Pariser Kommune:
Das war keine Utopie

„Die Proletarier von Paris, inmitten der Niederlagen und des Verrats der herrschenden Klassen, haben begriffen, dass die Stunde geschlagen hat, wo sie die Lage retten müssen, dadurch, dass sie die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten in ihre eignen Hände nehmen ... Sie haben begriffen, dass es ihre höchste Pflicht und ihr absolutes Recht ist, sich zu Herren ihrer eignen Geschicke zu machen und die Regierungsgewalt zu ergreifen.
(Paris-das Zentralkomitee in seinem Manifest
vom 18. März 1871)

Vor 133 Jahren versuchte die Pariser ArbeiterInnen eine gerechte und freiheitliche Gesellschaft aufzubauen, die unter der Kontrolle von ArbeiterInnen stand. Aber dieser Versuch wurde von der herrschenden Klasse blutig niedergeschlagen. Die Kommunarden wurden zwar besiegt, je-doch zeigten sie, in dem sie den Paradiestraum der unterdrückten Menschen auf die Erdober-fläche brachten, dass für sie ein Leben, in dem sie ihr eigener Herr sein können, keinesfalls ei-ne Utopie ist. Es blieb nicht nur dabei, sie hinterließen auch eine reichhaltige Erfahrung, die sie mit ihrem Leben bezahlten.


Wie kam es zu den Kommune-Tagungen?

Die französische Revolution von 1789 ebnete den Weg für ein Empor schnellen des kapitalisti-schen Gesellschaftssystems: Zwischen 1830 und 1871 zeigte sich ein rasanter Fortschritt der industriellen Umwälzung, der bis Ende des 2. Kaiserreiches unter Napoleon III andauerte. In den 30er und 40er Jahren brachen erste Aufstände in Lyon und Paris aus. Um nun diese revo-lutionäre Bewegung zu stoppen, die innenpolitischen Krisen zu überwinden und vor allem um eine „Umzingelung" durch ein geeintes Deutschland zu verhindern, kam es am 19. Juli 1870 zur Kriegserklärung Napoleons III an Deutschland. Der geschickt taktierende Preuße Bismarck hatte diesen zuvor mit seiner „Emser Depesche" zu diesem Vorgehen provoziert. Die französi-sche Armee verlor Kampf um Kampf gegen Bismarcks Soldaten. So kam es am 02. September 1870 zur Kapitulation großer Teile der französischen Armee vor Sedan, Napoleon III wurde ge-fangen genommen. Zwei Tage später riefen die ArbeiterInnen von Paris die Republik aus. Der Eroberungskrieg der deutschen Truppen ging dennoch weiter, deshalb reihten sich die Werktä-tigen in die Nationalgarde ein, der vorher ausschließlich Bürgerliche angehören durften. Infol-ge der patriotischen Stimmung im Lande war das Volk bereit, gegen den Feind zu kämpfen, um das "Vaterland zu verteidigen". So akzeptierte das Volk auch vorübergehend die „Regie-rung der nationalen Verteidigung".
Die Regierenden mit Thiers und Favre an der Spitze veranlassten die Volksbewaffnung, was sich als aus ihrer Sicht fataler Fehler erweisen sollte und gleichzeitig den ersten Sieg der Pari-ser ArbeiterInnen darstellte. Trotz dieser Instrumente der Macht in den Händen des Volkes konnte die Belagerung von Paris durch deutsche Truppen (ab dem 19. September 1870) nicht verhindert werden. Doch die Regierung des „nationalen Verrats" wusste Abhilfe: Sie trat sofort in Geheimverhandlungen mit Bismarck ein und akzeptierte am 28. Januar 1871 dessen Forde-rung nach Waffenstillstand, Kriegsentschädigung und Gefangennahme der Pariser Armee. Nachdem der Monarchist Thiers nun die Wahl zur Nationalversammlung gewonnen hatte, zeig-te er sein wahres Gesicht. Er machte es sich zur Aufgabe, „Frieden zu schließen und Paris zu zügeln", da er befürchten musste, dass die ArbeiterInnen sich nicht auf den Pakt mit den Deutschen einlassen wollten. (Sollte das der Preis für die fünfmonatige Belagerung und die Hungersnot sein?)
Während der Belagerung stieg die Arbeitslosigkeit rapide an; es folgte ein Rückgang der Pro-duktion und des Konsums. Daraufhin hatten sich mehrere revolutionäre Gruppen gebildet, die die Schaffung einer Kommune forderten. Thiers versuchte nun, die Forderungen durch erneu-tes Verhängen des Belagerungszustandes, Pressezensur und Einbehaltung der Löhne der Nati-onalgardisten zu ersticken. Das neu gewählte Leitungsorgan, das Zentralkomitee der National-garde ergriff Gegenmaßnahmen: Es wurde der Befehl erteilt, die Kanonen aus den Stadtbezir-ken zurückzuziehen, in die die Deutschen einziehen sollten. Die Nationalgarde wurde immer mehr zu einem demokratisch-legitimen Organ der revolutionären Bewegung, mit der sich viele Pariser identifizieren konnten.


Widerstand gegen Entwaffnung

Aber die Konterrevolution schlief nicht, sondern eröffnete den Bürgerkrieg unter dem Vor-wand, „staatseigene" Waffen zurückzuholen. Am 18. März fand der berüchtigte Versuch statt, die Nationalgarde zu entwaffnen. Das Ergebnis war für die Regierung Thiers äußerst kläglich. Nur 300 der insgesamt 300.000 Nationalgardisten trennten sich von ihren Waffen. Die Pariser Bevölkerung hatte massiven Widerstand geleistet: den Frauen kam dabei eine enorme Bedeu-tung zu (hielt man sie doch früher für unfähig, ihre eigenen Interessen zu vertreten). Sie grif-fen den Pferden mutig zwischen die Zügel und machten den Soldaten deutlich, dass sie nur Lakaien im Dienste der Bourgeoisie und gegen ihre eigenen Mitbürger waren. Daraufhin wech-selten viele Soldaten die Seite. Die Generale Clement Thomas und Lecomte wurde von ihren eigenen Leuten niedergeschossen, als sie diese zur Hilfe gegen das aufmüpfige Volk riefen.
Nachdem nun die Monarchisten mitsamt ihren Priestern und Polizisten ungehindert nach Ver-sailles geflüchtet waren, proklamierte die Nationalgarde: „Die Proletarier von Paris, inmitten der Niederlagen und des Verrats der herrschenden Klassen, haben begriffen, dass die Stunde geschlagen hat, wo sie die Lage retten müssen, dadurch, dass sie die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten in ihre eigenen Hände nehmen. Sie haben begriffen, dass es ihre höchste Pflicht und ihr absolutes Recht ist, sich zu Herren ihrer eigenen Geschichte zu machen und die Regierungsgewalt zu ergreifen."


Die Kommune

Der erste Schritt der Nationalgarde, die provisorisch mit allen Vollmachten ausgestattet wurde, war der Aufruf an das Volk zur Wahl der Kommune am 26. März. Schon vor diesem Tag wur-den wichtige Maßnahmen wie die Stundung der Mietschulden, die Zahlung der ausstehenden Löhne der Nationalgardisten und die finanzielle Unterstützung armer Familien durchgesetzt. Die Ratshäuser der verschiedenen Pariser Bezirke wurden besetzt; Theater und Museen wieder geöffnet. Die Kommune fand große Unterstützung im Volk und speziell in den revolutionären Bewegungen, die für die Kommune-Wahl Kandidatenlisten aufstellten.
Am 28. März 1871 übernahmen zum ersten Mal ArbeiterInnen die „Regierungsgeschäfte"; sie waren durch allgemeines Stimmrecht aus den verschiedenen Bezirken gewählt: „Sie waren verantwortlich und jederzeit absetzbar. Die Kommune sollte nicht eine parlamentarische, son-dern eine arbeitende Körperschaft sein, vollziehend und gesetzgebend zur gleichen Zeit." (Marx).


Der Kommune und Sofortmaßnahmen

Die neu gewählten Vertreter des Volkes kamen aus ganz unterschiedlichen sozialistischen Strömungen; es gab Neujakobiner, Blanquisten, rechte und linke Proudhonisten. Das hinderte sie (vorerst) nicht, sich auf die notwendigen politischen Schritte zu einigen. Sie trieben die Auf-lösung des stehenden .Heeres und der monarchistischen Polizei voran, indem sie die vollstän-dige Volksbewaffnung einführten und ArbeiterInnenmilizen aufstellten. Die Werkzeuge der vormaligen Regierung (z.B. das Berufsbeamtentum) wurden ihrer Privilegien entmachtet und nach gewöhnlichem Arbeiterlohn bezahlt. Diesen führte die Kommune auch als Entgelt für die Mitglieder der Kommune selbst ein. Außerdem wurde eine vollständige Wählbarkeit und jeder-zeitige Abwählbarkeit der Kommunemitglieder, Beamten und Lehrer durchgesetzt. Vor allem aber ging die Kommune daran, „das geistliche Unterdrückungswerkzeug, die Pfaffenmacht zu brechen, sie dekretierte die Auflösung und Enteignung aller Kirchen, soweit sie besitzende Körperschaften waren." (Marx). Durch die Trennung von Staat und Kirche ermöglichte sie allen Kindern eine weltliche Schulbildung, nachdem die Schulen für alle Kinder geöffnet wurden. Zu ihren ökonomischen Reformen zählten vor allem die Kontrolle der Arbeitstarife und die Über-gabe der Werkstätten und Fabriken an Arbeitergenossenschaften. Es wurde ein Verbot der Nachtarbeit von Bäckern verhängt. Geldstrafen wurden für unzulässig erklärt, Pfandhäuser ab-geschafft. Darüber hinaus zog die Kommune auch die Kleinbürger auf ihre Seite, die durch die Monarchisten an den Rand des Ruins getrieben wurden: Zahlungspflichten wurden abgesetzt. Auch die Kleinbauern profitierten von der Politik der Kommune: die Zentralisation durch Grundbesitz wurde aufgebrochen, Zuschlagssteuern wurden abgesetzt. In Hinblick auf diese Maßnahmen kam Marx zu dem Ergebnis, dass die Kommune „die erste Revolution (war), in der die ArbeiterInnenklasse offen anerkannt wurde als die einzige Klasse, die noch einer gesell-schaftlichen Initiative fähig war."
Lenin schrieb dazu, dass die Kommune eine Staatsmacht neuen Typs, d.h. die revolutionäre Diktatur des Proletariats erschuf. Marx war so fasziniert von den Vorgängen in Paris, dass er ständig über die IAA (I. Internationale) mit den Kommunarden in Kontakt trat. Mit dem Kampf der Kommunarden solidarisierten sich Tausende von Menschen in den verschiede Ländern. Sie zeigten bei Demonstrationen und Kundgebungen ihre Unterstützung für die Kommunarden. Doch ein wesentlicher Faktor wurde bei all den positiven Errungenschaften unterschlagen: Die Konterrevolution schlief nicht.



Und die Konterrevolution ergreift
gegen den Kommune

Durch ihre unbehinderte Flucht nach Versailles konnte sie ihre Schützen erneut vor den Toren Paris sammeln. Trotz mehrerer Aufstände monarchistischer Demonstranten in Paris griff die Kommune die Konterrevolutionäre nicht an, sondern verjagte sie erneut. Den Zeitpunkt der Schwäche der Versailler nutzte die Kommune nicht, um die Bourgeoisie vollkommen zu schla-gen. Es kam zu einem "Deal" zwischen den "Kriegsgegnern" Thiers & Bismarck. Thiers bot den Deutschen Elsass-Lothringen an, wobei Bismarck im Gegenzug bereit war, die französischen Soldaten aus der Kriegsgefangenschaft freizulassen. Obwohl es mehrere Kontakte zu Vertre-tern der franz. Arbeiterorganisationen in anderen Städten gegeben hatte, entstand keine lan-desweite Miteinbeziehung der ArbeiterInnen und Kleinbauern in die Pariser Revolution: Paris blieb isoliert. Ein weiterer schwerwiegender Fehler war das Versäumnis, den Dreh- und Angel-punkt des Kapitals, nämlich die Bank, unter Kontrolle der Kommune zu bringen. Thiers erober-te Paris Stück um Stück zurück.
Die Pariser ArbeiterInnen kämpften heldenhaft, doch ohne jegliche Chance: am 29. Mai fiel das letzte Fort von Paris. Der Kampf für die Freiheit endete in einem Meer aus Blut: 40.000 Tote, 30.000 Gefangene und 40.000 Deportierte war die traurige Bilanz. Dennoch: Der Kampf hat sich gelohnt. Es wurde aller Welt bewiesen, dass es auch anders geht. Die Geschichte der Kommune ist lehrreich. Der Verschwörung des internationalen Kapitals muss der gemeinsame Kampf der ArbeiterInnenbewegung entgegengesetzt werden. Das Postenjagen von Politikern und höheren Beamten kann nicht geduldet werden.

 

Jenseits des ersten und/oder letzten Wortes

Mit der Pariser Kommune wurde der Paradiestraum von der Unterdrückten Menschen zum ers-ten Mal auf die Erdoberfläche gebracht. Als die ArbeiterInnenklasse die Pariser Kommune, den Traum, “ihr eigener Herr zu sein“ erlebte, lernte die Bourgeoisie zum ersten Mal den Alptraum kennen, ihr Privileg, Herrscher dieser Welt zu sein, zu verlieren.
Die Kommunarden konnten den Traum, “ihr eigener Herr zu sein“, nur ungefähr zwei Monate aufrechterhalten. Die FreiheitskämpferInnen verteidigten das Feuer der Freiheit, das sie in Pa-ris angezündet hatten, gegen die Belagerungen und Angriffe der Konterrevolutionäre mit ihrer ganzen Kraft; jedoch reichte dieser heldenhafte Widerstand nicht aus, um die Kommune weiter am Leben zu erhalten und sie wurde vernichtet.
Die Kommunarden leisteten mit aller Kraft Widerstand, und Tausende von ihnen wurden im Barrikadenkampf getötet oder an die Wand gestellt. Und Der Kommune wurde Zerschlagen. Die Pariser Kommune wurde zerschlagen aber dem Feind gegenüber gaben die Kommunarden von ihrem Paradiestraum nicht preis. Ihnen fehlte zwar nicht an Heldentaten und Courage, trotzdem wurden sie besiegt. Sie wurden besiegt, weil die Kommunarden eine offene, zentrali-sierte Führungsorganisation, die sie brauchten, nicht hatten.
Weder ab und an die Kommune und die Kommunarden ins Gedächtnis zu rufen noch für sie heldenhafte Verse zu dichten, kann der Weg sein, um die Verbundenheit mit den Idealen der Kommune zu zeigen und die dafür Ermordeten würdevoll zu gedenken. Die Kommunarden würdevoll zu gedenken und ihre NachfolgerInnen zu werden, wird nicht nur durch die Existenz ihrer Entschlossenheit und Courage möglich sein. Sie würdevoll zu gedenken bedeutet: Neben der Aneignung ihrer Entschlossenheit und Courage auch die notwendigen revolutionären Leh-ren von jener Schlacht, in der sie ums Leben kamen, zu ziehen, sie zu übertreffen, ihre Schwächen zu erkennen und zu überwinden. Ansonsten wird es zu keiner Zeit möglich sein, dass die Erben von Thiers ihre historischen Schulden ausgleichen.

 

 

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