Mai 1943: Der Aufstieg und Fall
der Kommunistischen Internationale
Die Dritte Internationale ist offiziell begraben worden. In der
unwürdigsten und verachtungs-würdigsten Weise, die man
sich überhaupt vorstellen kann, hat sie die Bühne der
Geschichte verlassen. Überstürzt und ohne Beratung mit
all den zugehörigen Parteien, ganz zu schweigen von der Basis
in der ganzen Welt, ohne jede demokratische Diskussion und Entscheidung,
un-ter dem Druck des amerikanischen Imperialismus hat Stalin auf
hinterhältige Art die Komintern aufgelöst. Um zu verstehen,
wie diese Organisation, die den Schrecken und Hass der gesam-ten
kapitalistischen Welt entfacht hat, auf Verlangen des Kapitalismus
zu solch einem unrühm-lichen Ende gekommen ist, ist es notwendig,
kurz an den stürmischen Aufstieg und sogar noch stürmischeren
Verfall der Internationale zu erinnern. Die Erklärung ihrer
Auflösung war nur ein Eingeständnis dessen, was alle
informierten Leute seit langem schon wussten: dass die Komin-tern
als ein Faktor des Aufbaus des weltweiten Sozialismus tot war
und sich für immer von ih-ren ursprünglichen Zielen
und Absichten verabschiedet hatte. Ihr Ableben war seit langem
vorhergesehen und gesagt worden.
Die Dritte Internationale erwuchs aus dem Zusammenbruch des Kapitalismus
im letzten Krieg [A.d.Ü.: dem 1. Weltkrieg]. Die russische
Revolution verbreitete eine Welle der revolutionä-ren Begeisterung
unter der Arbeiterklasse der ganzen Welt. Zu den kriegsmüden,
enttäuschten und verbitterten Massen kam sie als eine Nachricht
der Hoffnung, der Belebung und Ermuti-gung; sie zeigte den Ausweg
aus dem blutigen Chaos, in das der Kapitalismus die Gesellschaft
gestürzt hatte.
Sie wurde als direkte Konsequenz des Verrats und Zusammenbruchs
der II.Internationale ge-boren, die im letzten Krieg die herrschenden
Klassen unterstützt hatte, und sogar noch verrä-terischer,
die Revolutionen in der Folge des letzten Krieges sabotiert und
zerstört hatte.
Der Zusammenbruch des Imperialismus und Kapitalismus wurde angezeigt
durch die Revoluti-onen in Deutschland, Österreich, Ungarn,
revolutionäre Situationen in Italien, Frankreich und sogar
Großbritannien. Die Aussicht auf eine Sozialistische Revolution
lag über ganz Europa. Die Memoiren und Schriften von fast
allen bürgerlichen Politikern aus dieser Zeit offenbaren
die Verzweiflung, den Mangel an Selbstvertrauen in der Bourgeoisie
im Angesicht der Revolution, und die Anerkennung der Tatsache,
dass sie die Kontrolle über die Lage verloren hatten.
Die Sozialdemokratie rettete den Kapitalismus. Die mächtigen
Bürokratien der Gewerkschaften und Sozialisten setzten sich
selbst an die Spitze des Aufstands und lenkten ihn in harmlose
Bahnen. In Deutschland konspirierten Noske und Scheidemann mit
den Junkern und Kapitalis-ten, um die Revolution zu zerstören.
Die Räte der ArbeiterInnen, Soldaten, Matrosen, BauerInnen
und sogar Studierenden, die in der Novemberrevolution von 1918
entstanden waren, hielten die Macht in ihren Händen. Die
Sozialdemokraten gaben die Macht an die Kapitalisten zurück.
Stückweise, langsam und fried-lich, wie ihre theoretischen
Konzepte es entwickelten, wollten sie den Kapitalismus zum Sozia-lismus
umformen.
In Italien hatten die Arbeiter 1920 die Fabriken besetzt. Anstatt
die ArbeiterInnen zur Macht-übernahme zu führen, brachte
sie die Sozialistische Partei dazu, ihre „nicht verfassungsmäßi-ge"
Aktion zu beenden. So war es in ganz Europa. Die Folgen dieses
Programms sind heute of-fensichtlich.
Die schlimmste Tyrannei und der blutigste Krieg in der Geschichte
des Kapitalismus. Aber ge-nau wegen des Zusammenbruchs des internationalen
Sozialismus in der Zweiten Internationa-le, die den Marxismus
verraten hatte, wurde die Dritte Internationale aufgebaut. Schon
am An-fang des letzten Weltkriegs hatte Lenin unerschrocken die
Dritte Internationale gefordert. Die Dritte Internationale wurde
im März 1919 formell gegründet. Ihre erklärten
Ziele und Absich-ten waren der Sturz des Weltkapitalismus und
die Errichtung einer weltweiten Kette von Verei-nigten Sozialistischen
Räterepubliken, die sich der UdSSR anschließen würden;
die UdSSR selbst stellte man sich dabei nicht als unabhängige
Einheit vor, sondern nur als Basis für die Weltrevolution.
Ihr Schicksal hing ab und würde bestimmt werden durch das
Schicksal der Weltrevolution.
Die Bildung der Dritten Internationale führte schnell zur
Gründung von mächtigen Kommunisti-schen Parteien in
den wichtigsten Ländern der Welt. In Deutschland, Frankreich,
der Tsche-choslowakei und anderen Ländern entstanden Kommunistische
Parteien mit einer Massenba-sis. In Großbritannien wurde
eine kleine Kommunistische Partei gebildet, die beachtlichen Ein-fluss
gewann. Der Erfolg der Weltrevolution in der nächsten Periode
schien durch diese Ent-wicklung der Ereignisse gesichert zu sein.
Die Kommunistischen Parteien in Europa gewannen ständig Mitglieder
und Einfluss auf Kosten der Sozialdemokratie.
Der letzte Krieg hatte keines der Probleme des Kapitalismus lösen
können. Tatsächlich hatte er sie noch verschärft.
Der Kapitalismus war an seinem „schwächsten Glied"
auseinander gebro-chen, wie Lenin es formulierte. Die Versuche,
die junge Sowjetrepublik in den Interventions-kriegen zu zerstören,
waren völlig fehlgeschlagen. Der deutsche Kapitalismus, der
mächtigste Europas, fand sich von seinen Rohstoffen und von
einem Teil seines Gebietes abgeschnitten, belastet mit außerordentlichen
Reparationszahlungen und allgemein in eine unmögliche Positi-on
gedrängt. Der britische und der französische Imperialismus,
die „Sieger" im letzten Welt-krieg, waren im Grunde
in keiner besseren Position. Ermutigt durch die Russische Revolution,
wurden die kolonialen und halb-kolonialen Massen unruhig und bereiteten
den Aufstand vor. Die Massen zuhause waren ruhelos und unfreundlich,
und die wirtschaftliche Position des eng-lisch-französischen
Imperialismus hatte sich im Vergleich zum japanischen und amerikanischen
Kapitalismus entscheidend verschlechtert.
Vor diesem internationalen Hintergrund brach 1923 in Deutschland
die Krise aus. Deutschland mit seiner hohen Produktivkapazität
war gelähmt durch die Einschränkungen von Versailles
und war nun das schwächste Glied in der Kette des weltweiten
Kapitalismus geworden. Das Unvermögen Deutschlands, die Raten
der Reparationen zu zahlen, brachte die französischen Kapitalisten
dazu, an der Ruhr einzumarschieren. Dies trug dazu bei, die deutsche
Wirtschaft völlig zusammenbrechen zu lassen, und die deutsche
Bourgeoisie versuchte, die Lasten auf die Schultern der Arbeiter-
und Mittelklassen abzuwälzen. Der Wert der Mark viel von
20 auf 40 Mark für ein Pfund im Januar, auf 5 Millionen im
Juli und auf 47 Millionen Ende August. Die zornigen deutschen
Massen wandten sich dem Kommunismus zu. Der damalige Führer
der Kommunistischen Internationale, Brandler, sagte beim Exekutivkomitee
der Komintern:
„Es gab Anzeichen einer wachsenden revolutionären Bewegung:
Wir hatten zeitweise die Mehrheit der Arbeiter hinter uns, und
in dieser Situation glaubten wir, dass wir unter günstigen
Umständen direkt zum Angriff übergehen konnten…"
Aber unglücklicherweise nahm die Führung der Internationale
die Herausforderung nicht an und nutzte die Gelegenheit nicht
zu ihrem Vorteil aus. Ein Erfolg in Deutschland hätte unwei-gerlich
den Sieg in ganz Europa herbeigeführt. Jedoch wie in Russland
1917, so in Deutschland 1923: Teile der Führung schwankten.
Stalin, mit seinem eingefleischten Opportunismus, drängte
darauf, die deutsche Partei zu „zügeln", damit
sie keine Initiative ergreift. Das Ergeb-nis war, dass die günstige
Gelegenheit zur Machtübernahme in Deutschland verpasst wurde
und die Kommunisten in Deutschland eine Niederlage erlitten. Aus
ähnlichen Gründen erlitt auch die Revolution in Bulgarien
Schiffbruch.
Aber die Niederlagen der Revolution in Europa, die durch das Versagen
der Führung verur-sacht wurden, führten unweigerlich
zu schwerwiegenden Konsequenzen. Wie Lenin geschrie-ben hatte,
um auf die Notwendigkeit zur Vorbereitung des Aufstands in Russland
1917 zu drängen:
„Der Erfolg der Russischen Revolution und der Weltrevolution
hängt von zwei oder drei Tagen Kampf ab."
Das Scheitern der Weltrevolution und die Isolation der Sowjetunion,
zusammen mit ihrer Rück-ständigkeit, die Müdigkeit
und Apathie der sowjetischen Massen, die durch Jahre des Krieges,
furchtbarer Entsagungen und Leiden während des Bürgerkriegs
und der Intervention gegan-gen waren, ihre Enttäuschung und
Verzweiflung angesichts des Scheiterns ihrer Hoffungen auf Hilfe
von den europäischen Arbeitern: dies alles führte unweigerlich
zur Reaktion in der UdSSR.
Zu jener Zeit, beim — vielleicht unbewussten — Nachdenken
über die Interessen der reaktio-nären und konservativen
Bürokratie, die gerade begann, sich über die sowjetischen
Massen zu erheben, stellte Stalin 1924 zum ersten Mal seine utopische
und antileninistische Theorie vom Sozialismus in einem Lande auf.
Diese „Theorie" erwuchs direkt aus der Niederlage,
die die Revolution in Deutschland erlitten hatte. Sie zeigte eine
Abwendung von den Prinzipien des re-volutionären Internationalismus
an, auf die sich die Russische Revolution gestützt hatte
und auf denen die Kommunistische Internationale gegründet
war. Beim Begräbnis Lenins im Januar 1924 erklärte Stalin,
aus der Macht der Gewohnheit der Tradition der Russischen Revolution
folgend: „Während Genosse Lenin uns verlässt,
befiehlt er uns Treue zur Kommunistischen In-ternationale. Wir
schwören Dir, Genosse Lenin, unser Leben der Vergrößerung
und Stärkung der Einheit der Arbeiter der ganzen Welt zu
verschreiben, der Kommunistischen Internationa-le." Zu diesem
Zeitpunkt hatte er nicht die geringste Ahnung, wohin die Theorie
vom Sozialis-mus in einem Land die Sowjetunion und die Komintern
führen würde.
Die Geschichte der Komintern ist seit diesen Tagen verbunden mit
der schwankenden Politik der Bürokratie in der UdSSR. Lenin
hatte ständig das Schicksal der Sowjetunion mit dem der Arbeiterklasse
der Welt verbunden, und besonders mit dem ihrer Vorhut, der Komintern.
Sogar der Eid der Roten Armee verpflichtete die roten Soldaten
auf die Loyalität mit der internationa-len Arbeiterklasse.
Tatsächlich wurde die Rote Armee nicht als eine unabhängige
„nationale" Streitmacht betrach-tet, sondern als eines
der Instrumente der Weltrevolution. Natürlich wurde all dies
längst von Stalin geändert.
Trotzki hat zusammen mit Lenin, der in seinen letzten Jahren die
sich entwickelnde Situation mit Besorgnis verfolgte, schon 1923
den Kampf gegen die Bürokratisierung der Bolschewisti-schen
Partei und des Sowjetstaates begonnen.
Lenin warnte vor den Gefahren der Entartung, die den Sowjetstaat
bedrohten.
Vor dem Hintergrund der wachsenden Reaktion, national und international,
erreichte der Kampf zwischen den Internationalisten und den Thermidorianern
ein akutes Stadium.
Trotzki verlangte, gemeinsam mit Lenin, die Wiederherstellung
der völligen Demokratie in der Bolschewistischen Partei und
in den Sowjets. Lenin, der dieses Ziel verfolgte, forderte, Stalin
vom Posten des Generalsekretärs der Partei zu entfernen,
weil er der Brennpunkt geworden war, um den die Bürokratie
sich kristallisierte. Nach Lenins Tod brachten Sinowjew, Kamenjew
und Stalin, „die Troika", einen Beschluss durchs Zentralkomitee,
der Lenins Rat missachtete, und sie begannen eine Kampagne gegen
Lenins Ideen, die von Trotzki vorgebracht wurden, mit der gefälschten
Erfindung und Legende des „Trotzkismus".
Das Schicksal der Komintern war verbunden mit dem Schicksal der
Bolschewistischen Partei der Sowjetunion, die wegen ihres Ansehens
und ihrer Erfahrung natürlicherweise die bestim-mende Kraft
in der Internationalen war. Der Übergang von der Politik
der Weltrevolution zu der des Sozialismus in einem Lande drückte
einen scharfen Schwenk nach rechts sowohl in der internen russischen
Politik als auch in der Politik der Komintern aus.
In Russland wurden Sinowjew und Kamenjew von der antimarxistischen
Politik, die Stalin jetzt entwickelte, in die Opposition gezwungen.
Sie wurden in eine Allianz mit Trotzki und seinen Anhängern
geworfen.
Stalin lehnte zusammen mit Bucharin die Politik der Industrialisierung
Russlands durch eine Serie von Fünfjahresplänen, wie
sie von der Linken Opposition unter Trotzkis Führung vorge-schlagen
wurde, ab und brachte bei der Plenarsitzung des Zentralkomitees
seinen berühmten Aphorismus, dass „der Versuch, das
Wasserkraftwerk am Dnjepr zu bauen, für uns dasselbe bedeuten
würde wie für einen Muschik [=Bauern] der Versuch, ein
Grammophon zu kaufen statt einer Kuh."
Noch Ende 1927, während der Vorbereitungen zum 15. Parteitag,
dessen Aufgabe es war, die linke Opposition auszuschließen,
sagte Molotow mehrmals: „Wir dürfen nicht in die Illusionen
eines armen Bauern über die Kollektivierung der breiten Massen
verfallen. Unter den gegen-wärtigen Umständen ist das
nicht mehr möglich." In Russland galt die Politik, den
Kulaken (reichen Bauern) und NEP-Männern (Kapitalisten in
den Städten) alle Rechte der wirtschaftli-chen Entwicklung
zu geben. Diese Politik wurde perfekt charakterisiert durch einen
Ausspruch, den Bucharin mit voller Unterstützung Stalins
prägte: „Bereichert Euch!"
Die Politik der Komintern wurde nun weit nach rechts gedrückt,
weil Stalin damit beschäftigt war, Verbündete zu finden,
um „die Sowjetunion gegen einen Angriff zu verteidigen."
Die Ko-mintern war schon auf die Rolle einer Grenzwache reduziert.
Die Meinungsverschiedenheiten in der Bolschewistischen Partei
und der Internationalen flammten an der Frage der Chinesischen
Revolution und der Situation in Großbritannien auf. In China
brachte die Revolution von 1925-27 die Millionen Asiens in Aktion.
Anstatt sich auf die ArbeiterInnen und BäuerInnen zu verlassen,
die die Revolution durchführen, wie es die Leni-nistische
Politik in Russland war, zog es die Komintern vor, sich auf die
chinesischen Kapitalis-ten und Generäle zu verlassen. Die
Linke Opposition warnte vor den Konsequenzen dieser Poli-tik.
Die Chinesische Kommunistische Partei war die einzige Arbeiterpartei
in China und hatte einen bestimmenden Einfluss auf die Arbeiterklasse;
die Bauernschaft orientierte sich am Bei-spiel Russlands, das
ihnen einen Ausweg aus ihrer Jahrhunderte langen Unterdrückung
durch die Grundbesitzer zeigte: die Aneignung des Bodens. Aber
die Komintern weigerte sich hartnä-ckig, den Weg der Unabhängigkeit
der Arbeiterklasse zu gehen, auf dem Lenin bestanden hat-te als
Voraussetzung für kommunistische Politik im Verhältnis
zu den bürgerlich-demokratischen und antiimperialistischen
Revolutionen im Osten. Inzwischen wurde eine ähn-liche Politik
in Großbritannien verfolgt, wo die Massen einen enormen
Radikalisierungsprozess durchmachten. Als ein Mittel, Interventionen
gegen die Sowjetunion zu bekämpfen, schlossen die russischen
Gewerkschaften ein Abkommen mit dem Generalsekretär des [Gewerkschafts-dachverbandes]
TUC. Die Tendenz zu revolutionären Entwicklungen in Großbritannien
ist er-kennbar an der Tatsache dass eine Million Mitglieder, ein
Viertel der Mitgliedschaft der Ge-werkschaften, in der Minderheitsbewegung
organisiert waren. Trotzki, der die Situation in Großbritannien
analysiert hatte, hatte den Ausbruch eines Generalstreiks vorhergesagt.
Die Aufgabe der Kommunistischen Partei und der Kommunistischen
Internationale wäre
es gewesen, die ArbeiterInnen auf den unvermeidlichen Verrat von
Seiten der Gewerk-schaftsführer vorzubereiten. Stattdessen
säten sie Illusionen in das Bewusstsein der Arbeite-rInnen,
besonders nachdem sich die Gewerkschaftsführer hinter dem
Abkommen mit den rus-sischen Gewerkschaften versteckten, deren
Autorität sie als Deckmantel benutzten. Nach dem Verrat des
Generalstreiks durch die Gewerkschaftsbürokratie forderte
Trotzki, die russischen Gewerkschaften sollten ihre Beziehungen
zum TUC abbrechen. Stalin und die Komintern wei-gerten sich, dies
zu tun.
Nachdem sie das Englisch-Russische Komitee benutzt hatten, solange
sie es brauchten, bra-chen die britischen Gewerkschaftsführer
mehr als ein Jahr nach dem Generalstreik die Bezie-hungen ab.
Die Komintern ließ einen Aufschrei hören, sie sei betrogen
worden. Die junge Kommunistische Partei Großbritanniens
aber, die ihren Einfluss als Ergebnis dieser großen Er-eignisse
sprunghaft hätte ausbauen sollen, war gelähmt und richtungslos
durch die Politik der Internationale, war völlig diskreditiert
und verlor stark an Einfluss bei den Massen.
Diese weiteren Niederlagen der Internationale, die direkt auf
das Konto von Stalin und der Bü-rokratie gingen, steigerten
—auf den ersten Blick paradox— die Macht der Bürokratie
in der Sowjetunion. Die sowjetischen Massen wurden durch diese
neuen Niederlagen des internatio-nalen Proletariats weiter entmutigt
und desillusioniert und erlitten ein weiteres Absinken der Moral.
Die Niederlagen, die eine direkte Konsequenz der Politik Stalins
und der Bürokratie wa-ren, stärkten ihre Stellung in
der Sowjetunion. Die „Linke Opposition" unter Trotzkis
Führung, die diese Entwicklungen richtig analysiert und vorhergesehen
hatte, wurde nun aus der Bol-schewistischen Partei und der Internationale
ausgeschlossen.
Die inneren Ergebnisse von Stalins Politik begannen Früchte
zu tragen in Form des alarmieren-den Wachstums der Stärke
und des Einflusses der Kulaken und der NEP-Männer. Die Sowjet-union
stand an der Schwelle einer Katastrophe. In Panik und Schrecken
waren Stalin und die Bürokratie gezwungen, eine Karikatur
genau der Politik anwenden, wegen der Trotzki und sei-ne Mitdenker
ausgeschlossen worden waren. In Russland wurden die Fünfjahrespläne
einge-führt, die Stalin so eifrig bekämpft hatte. Auf
dieser Grundlage einer geplanten Produktion hat die Sowjetunion
ihre größten Erfolge errungen und darauf steht die
UdSSR heute im Krieg. Der panikartige Schwenk nach links im Inneren
führte mittlerweile auch international zu einem pa-nikartigen
Schwenk nach links. Stalin hatte sich böse die Finger verbrannt
bei seinem Versuch, sich auf die kapitalistischen Elemente in
China zu verlassen und die Sozialdemokratie zu beschwichtigen.
Nun drehte er die Internationale scharf in eine andere Richtung.
Ihre eigenen Statuten verletzend, hatte die Internationale seit
vier Jahren keine Konferenz mehr abgehal-ten. Eine neue Konferenz
wurde einberufen, die offiziell das Programm des Sozialismus in
ei-nem Land in das Programm der Kommunistischen Inter-
nationale einführte. Es wurde auch das Ende der kapitalistischen
Stabilität und der Beginn ei-ner so genannten „Dritten
Periode" proklamiert. Diese „Dritte Periode" sollte
angeblich in die Periode des endgültigen Zusammenbruchs des
Kapitalismus führen. Gleichzeitig sollte sich nach der einst
berühmten (aber heute begrabenen) Theorie Stalins die Sozialdemokratie
selbst in den „Sozialfaschismus" verwandelt haben.
Keine Abkommen mit den „Sozialfaschisten" wa-ren nun
mehr möglich, da sie die Hauptgefahr für die Arbeiterklasse
darstellten und zerstört werden mussten.
Genau zu dieser Zeit suchte die beispiellose Rezession von 1929-33
die Welt heim. Besonders Deutschland war betroffen. Die deutschen
ArbeiterInnen wurden in eine Position von Abstieg und Elend geworfen
und die Mittelklassen wurden ruiniert. Die deutschen Arbeitslosenzahlen
wuchsen ständig bis sie schließlich den Gipfel von
8 Millionen erreichten. Die Mittelklasse, die in der Revolution
von 1918 nichts bekommen hatte und enttäuscht war vom Scheitern
der Machtübernahme der Kommunisten 1923, begann nun in Wut
und Verzweiflung in einer ande-ren Richtung eine Lösung ihrer
Probleme zu suchen. Subventioniert und finanziert von den Ka-pitalisten,
fingen die Faschisten an, sich eine Massenbasis in Deutschland
zu sichern. Bei den Wahlen im September 1930 erhielten sie fast
6,5 Millionen Stimmen. Trotz ihres Ausschlusses aus der Kommunistischen
Internationale betrachteten sich Trotzki und seine AnhängerInnen
immer noch als ihr Teil und forderten wieder und wieder, dass
ihnen die Rückkehr in ihre Rei-hen gestattet würde.
Gleichzeitig unterzogen sie die Selbstmordtheorie, die nun von
der Ko-mintern angenommen worden war, einer scharfen Kritik. Anstatt
dieser verlangten sie eine Rückkehr zur realistischen Leninistischen
Politik der Einheitsfront als Mittel, die Massen in der Aktion
und durch deren eigene Erfahrung für den Kommunismus zu gewinnen.
Bei Hitlers Wahlsieg schlug Trotzki Alarm. In einer Broschüre
mit dem Titel „Die Wende in der Kommu-nistischen Internationale
— die Situation in Deutschland" gab er das Startzeichen
zu einer Kampagne, die die Internationale Linke Opposition —
als das betrachteten sich die Trotzkisten — drei Jahre lang
durchführte. In Deutschland, Frankreich, USA, Großbritannien,
im weit ent-fernten Südafrika und in allen Ländern wo
sie Gruppen hatten, führten die TrotzkistInnen eine Kampagne
mit der Forderung, dass die Kommunistische Partei Deutschlands
eine Kampagne für eine Einheitsfront mit den Sozialdemokraten
starten sollten, um Hitler an der Machtüber-nahme zu hindern.
Auf die direkte Anweisung und das Drängen Stalins und der
Komintern hin denunzierte die Kommunistische Partei Deutschlands
diese Politik als eine konterrevolutionäre und „sozialfa-schistische".
Sie bekämpften immer wieder die Sozialdemokratie als den
„Hauptfeind" der Ar-beiterklasse und behaupteten, es
gebe keinen Unterschied zwischen Demokratie und Faschis-mus. Im
September 1930 erklärte die Rote Fahne, das Organ der KPD:
„Die letzte Nacht war der größte Tag Hitlers,
aber der so genannte Wahlsieg der Nazis ist der Anfang vom [ihrem,
A.d.Ü.] Ende."
Durch all diese Jahre setzte die Komintern diesen tödlichen
Kurs fort. Als Hitler 1931 eine Ab-stimmung organisierte, um die
sozialdemokratische Regierung in Preußen zu stürzen,
stimm-ten die deutschen Kommunisten auf direktes Drängen
Stalins und der Komintern mit den Nazis und gegen die Sozialdemokraten.
Noch im Mai 1932 konnte der britische Daily Worker mit Stolz die
Trotzkisten so angreifen:
„Es ist kennzeichnend, dass Trotzki sich für eine Einheitsfront
zwischen den kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien
gegen den Faschismus eingesetzt hat. Gegenwärtig hätte
man der Klasse keine störende und konterrevolutionärere
Führung geben können."
Inzwischen hatte Trotzki vier Broschüren und Dutzende von
Artikeln und Manifesten geschrie-ben, überall kämmten
die internationalen TrotzkistInnen jede Straße durch, um
Druck auf die Komintern auszuüben, damit sie ihre Politik
änderte. Vergeblich. Im Januar 1933 wurde Hitler die Machtergreifung
ohne jede organisierte Opposition ermöglicht, in einem Land
mit der am höchsten organisierten Arbeiterklasse und der
stärksten kommunistischen Partei außerhalb Russlands.
Zum ersten Mal in der Geschichte wurde es der Reaktion erlaubt,
die Macht zu er-obern ohne Widerstand von Seiten der Arbeiterklasse.
Die KPD zählte 6 Millionen Wähler, die Sozialdemokratie
8 Millionen — zusammen waren sie die mächtigste Kraft
in Deutschland.
Durch diesen Verrat war die KPD für immer verdammt. Aber
die Komintern war weit davon entfernt, das Ausmaß der Katastrophe
zu erkennen. Stattdessen bestätigte sie feierlich die völ-lige
Richtigkeit der Politik der KPD und der Internationale.
Eine Organisation, die nichts aus den Lektionen der Geschichte
lernen kann, ist verdammt. Als treibende Kraft des weltweiten
Sozialismus war die Kommunistische Internationale tot. Die In-ternationale
Linke Opposition spaltete sich ab und erklärte die Notwendigkeit
einer neuen In-ternationale. Aber was für die Vorhut, die
den Versuch, die Komintern zu reformieren, aufge-geben hatte,
völlig klar war, konnte für die breiten Massen nicht
klar sein. Nur in gewaltigen Ereignissen konnten sie lernen.
Die Kommunistische Internationale setzte diese falsche Politik
noch bis 1934 fort. Als die Fa-schisten in Frankreich, durch die
Erfolge des Faschismus in Österreich und Deutschland ermu-tigt,
bewaffnete Demonstrationen für den Sturz der liberalen Regierung
und des Parlaments durchführten, gab die KP die Parole aus,
mit ihnen zu demonstrieren. Aber jetzt war die ganze Gefahr, die
Hitler für die Sowjetunion darstellte, jedem klar. Stalin
und die Bürokratie gerieten in Panik. Gegen die Möglichkeiten
der Komintern als Instrument der Weltrevolution verächtlich
und zynisch eingestellt, verwandelte Stalin sie offener in ein
Instrument der russischen Außen-politik. In der Klassengesellschaft
verfällt eine Organisation, die aufhört, die Arbeiterklasse
zu vertreten, unweigerlich dem Druck und Einfluss der Bourgeoisie.
Bei seiner Suche nach Ver-bündeten wendete Stalin sich jetzt
an die Bourgeoisie von Großbritannien und Frankreich. Die
„Volksfront"politik war begonnen und wurde vom letzten
Kongress der Internationale 1935 an-genommen. Diese Politik der
Koalition mit den liberalen Kapitalisten ist von Lenin während
sei-nes ganzen Lebens bekämpft worden. Sie stellte ein neues
Stadium der Degeneration der Kornintern und des ersten Arbeiterstaates
dar. Mit dem Aufstieg Hitlers, wieder wegen der Po-litik Stalins,
wurde der Würgegriff der Bürokratie in der Sowjetunion
noch fester. Höher und höher hat sich die bürokratische
Kaste über die sowjetischen Massen erhoben und ihre Macht
ausgebaut. Aber diese fortschreitende Degeneration hat qualitative
Veränderungen gehabt. Anfangs nur unfähig, irgendetwas
anderes als Niederlagen für die Arbeiterklasse der Welt zu
erzielen, ist der Stalinismus jetzt ein Gegner von Arbeiterrevolutionen
in anderen Ländern ge-worden. Die Moskauer Prozesse, die
Ermordung der alten Bolschewiki, die Säuberungen, Mord und
Exilierung von Zehntausenden der Blüte der russischen kommunistischen
ArbeiterInnen haben die stalinistische Konterrevolution in der
Sowjetunion vollendet.
Die Ereignisse in Frankreich und Spanien sind jedem frisch in
der Erinnerung. Die Komintern spielte bei der Zerstörung
der Revolution, die erreichbar gewesen wäre, die Hauptrolle.
Sie entpuppte sich sogar als kämpfende Vorhut der Konterrevolution.
Die Niederlagen der Welt-Arbeiterklasse führten unvermeidlich
zum neuen Weltkrieg. Ironischerweise wurde der Krieg von einem
Pakt zwischen Hitler und Stalin eingeleitet.
So fügte Stalin der Weltarbeiterklasse und der Komintern
neue Schläge zu. Die machte nun ei-nen Salto und führte
eine Kampagne für den Frieden im Interesse Hitlers, mit einer
gekonnten Imitation einer „revolutionären" Politik.
Wie Trotzki in seiner Voraussage des Stalin-Hitler-Übereinkommens
in einem Artikel von März 1933 es annahm:
„Der Grundzug von Stalins internationaler Politik in den
letzten Jahren war dieser: er handelt mit Bewegungen der Arbeiterklasse
wie er mit Öl, Mangan und anderen Waren handelt. In die-ser
Feststellung liegt nicht ein Jota Übertreibung. Stalin betrachtet
die Sektionen der Komin-tern in verschiedenen Ländern und
die Befreiungskämpfe der unterdrückten Nationen so wie
Wechselgeld im Handel mit imperialistischen Mächten.
Wenn er die Hilfe Frankreichs braucht, überlässt er
das französische Proletariat den radikalen Bourgeois. Wenn
er China gegen Japan unterstützen muss, überlässt
er das chinesische Prole-tariat der Kuomintang.
Was würde er im Fall eines Abkommens mit Hitler tun? Hitler,
soviel ist sicher, braucht nicht unbedingt Stalins Hilfe, um die
Kommunistische Partei Deutschlands zu erwürgen. Der unbe-deutende
Zustand, in dem letztere sich befindet, ist darüber hinaus
durch ihre gesamte vorhe-rige Politik sichergestellt worden. Aber
es ist sehr wahrscheinlich, dass Stalin der Einstellung aller
Zahlungen für die illegale Arbeit in Deutschland zustimmen
würde. Das ist eine der ge-ringfügigsten Konzessionen,
die er machen müsste und er wäre einigermaßen
bereit, sie zu machen. Man sollte außerdem annehmen, dass
die lautstarke, hysterische und unechte Kam-pagne gegen den Faschismus,
die die Komintern in den letzten Jahren geführt hat, klamm-heimlich
zum Verstummen gebracht wird."
Diese Politik Stalins und der „verwesende Leichnam"
der Komintern wurden unwiderruflich rui-niert, als die Nazis in
die Sowjetunion einmarschierten. Die Komintern musste einen Rechtsum-Schwenk
ausführen und sich in eine Fußmatte für Roosevelt
und den britischen Imperialismus verwandeln. Aber mit der verstärkten
Abhängigkeit Stalins vom amerikanischen und britischen Imperialismus
ist auch der Druck von Seiten der kapitalistischen „Alliierten"
gewachsen. Be-sonders der amerikanische Imperialismus hat die
Beendung der Komintern verlangt, als eine endgültige Garantie
gegen die Gefahr der sozialen Revolution in Europa nach Hitlers
Nieder-gang.
Die lang gezogene Vorspiegelung ist vorbei. Stalin hat die heruntergekommene
Komintern auf-gelöst.Dabei erklärt er offen seinen Übertritt
auf die Seite der kapitalistischen Konterrevolution, sofern es
den Rest der Welt betrifft. Aber die Imperialisten, die Stalin
diesen Handel auf-gezwungen haben als Gegenleistung für ihre
Konzessionen und Angebote, haben die Konse-quenzen nicht verstanden,
die dies haben wird.
Es kann und wird nicht das Entstehen von neuen Revolutionen in
der ganzen Welt verhindern.
In weniger als zwei Jahrzehnten seit dem Beginn ihrer Entartung
hat die Komintern viele güns-tige Situationen in vielen Ländern
ruiniert.
Die kommenden Jahrzehnte werden Zeuge von vielen Revolutionen
mit dem Niedergang und Zusammenbruch des Kapitalismus sein. Sogar
die gewaltig stürmische Epoche zwischen den Kriegen wird
vergleichsweise ruhig erscheinen, verglichen mit der kommenden
Periode.
Auf dieser Grundlage von Stürmen und Aufständen wird
ein wirkliches Instrument der Weltre-volution entstehen. Was den
Arbeitern außerhalb Russlands in den letzten Jahrzehnten
am meisten gefehlt hat, war eine bolschewistische Partei und eine
bolschewistische Führung.
Die großen Zeiten der Komintern von 1917-23 werden wieder
aufleben. Eine neue Internatio-nale, als die Erbin und Fortführerin
der Traditionen des Bolschewismus, die sich auf die reichen Erfahrungen
der Vergangenheit gründet und die Lektionen aus den Niederlagen
der Arbeiter-klasse lernt, wird die Unterdrückten zum Sturz
des Kapitalismus und zur weltweiten Sozialisti-schen Republik
führen.