NOVEMBERREVOLUTION 1918

Leo Trotzki

Als Folge des Kriegsbeginns 1914 war die industrielle Produktion Ende 1917 trotz gesteigerter Kriegsproduktion auf einen Stand von 47% unter dem des Jahres 1913 gesunken. Noch katastrophaler stellte sich die Situation im Bereich der landwirtschaftlichen Produktion dar. Hier lag das Minus bei 60%.
Aufgrund dieser Entwicklung brach in vielen Regionen Deutschlands die Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln zusammen und die Hungersnot breitete sich rapide aus. Parallel dazu sorgten gravierende militärische Niederlagen an der Westfront für eine drastische Zuspitzung der Krise. Eine Vielzahl von Soldaten ist erfroren oder hat verhungert in den Schützengräben. Diese Situation verwandelte Deutschland in ein revolutionäres Pulverfass.
"In Deutschland ist eine politische Krise ausgebrochen. Die panische Kopflosigkeit sowohl der Regierung als auch der Ausbeuterklassen in ihrer Gesamtheit ist vor den Augen des ganzen Volkes klar zutage getreten. Mit einem Schlag zeigte sich, dass die militärische Lage hoffnungslos ist und dass die herrschenden Klassen von den werktätigen Massen keinerlei Unterstützung erhalten. Diese Krise bedeutet entweder den Beginn der Revolution oder auf jeden Fall, dass es den Massen jetzt völlig augenscheinlich geworden ist, dass die Revolution unvermeidlich ist und nahe bevorsteht."(1)
Es kam in verschiedenen Städten zu ersten Massendemonstrationen gegen den Krieg. Arbeiter- und Soldatenräte wurden gegründet und Rathäuser sowie öffentliche Gebäude besetzt. Nicht allein die objektiven Bedingungen im eigenen Lande trieben die revolutionäre Entwicklung vorwärts. Von ausschlaggebender Bedeutung war in dieser Situation insbesondere auch die internationale Situation, die durch den unter Leitung Lenins und Trotzkis errungenen Sieg der russischen Oktober Revolution gekennzeichnet war. Dieser errungene Sieg der russischen Arbeiterklasse unter Führung der revolutionären Partei gab der Arbeiterklasse Deutschlands entscheidende Impulse für die notwendige revolutionäre Erhebung.
Als Folge der sich abzeichnenden Eskalation war General Ludendorff Anfang Oktober zum Rücktritt gezwungen und die herrschende Klasse versuchte ihre Macht durch eine Koalitionsregierung, bestehend aus Prinz Max von Baden und der SPD zu erhalten. Dennoch scheiterten zu diesem Zeitpunkt alle Bemühungen der Bourgeoisie zur Stabilisierung der Situation am Widerstand der Arbeiterklasse. So verweigerten die Matrosen der Hochseeflotte am 30. Oktober zur Unterstützung der Westfront den Hafen zu verlassen. Matrosen und Arbeiter verbrüderten sich in Kiel und setzten einen Generalstreik durch. Sie bildeten Arbeiter- und Soldatenräte, Matrosen besetzten am 4. November die Schiffe und Arbeiter besetzten das Rathaus. Ein Tag später siegten die Arbeiter in Lübeck, am 6. November in Hamburg, danach in Bremen, Hannover und Stuttgart. Am 8. November rief Kurt Eisner die Bayrische Räterepublik aus.
Am 9. November fand die revolutionäre Entwicklung in Berlin ihren Höhepunkt. Nach der Frühstückspause verließen die Arbeiter die Fabriken und gewaltige Menschenmassen sammelten sich auf den Straßen und formierten sich zu großen Demonstrationszügen, die sich in Richtung Stadtzentrum in Bewegung setzten. Viele der Arbeiter waren mit Gewehren, Pistolen oder Handgranaten bewaffnet. Im Verlaufe des Vormittags schlossen sich die Soldaten der Berliner Kasernen einzeln oder selbst Truppenweise den Arbeitern an. Waffen und Munition aus den Kasernen wurde an die Arbeiter verteilt. Mit Arbeitern und Soldaten besetzte Autos fuhren durch die Straßen. Überall wurden Ansprachen gehalten. Gegen 4 Uhr erschien Karl Liebknecht und hielt Ansprachen vor dem Schloss und später vom Balkon. Das Gefängnis in Moabit wurde von einem Trupp bewaffneter Arbeiter und Soldaten gestürmt und die politischen Gefangenen sowie die als Opfer des Krieges inhaftierten befreit. Auch im Strafgefängnis Tegel wurden 200 Militärgefangene befreit. Die großen Zeitungsbetriebe, das Telegrafenamt und das Reichstagsgebäude wurden in den frühen Nachmittagsstunden besetzt. Das nicht militärisch geschützte Regierungsgebäude blieb bis zum späten Abend unbesetzt.
"Das Charakteristische an diesem Aufstand liegt in der elementaren Wucht seines Ausbruchs, in dem alles umfassender Masse seiner Ausdehnung und der einheitlichen, fast methodischen Handlung in allen Teilen des riesigen Gebietes von Groß-Berlin. Der Aufstand entwickelte sich nicht aus Teilaktionen zu einer Gesamtaktion, er setzte als Ganzes ein und entwickelte sich so planmäßig, wie die großen Kampfhandlungen der Massenheere des Weltkrieges. Man könnte annehmen, die Millionen der Arbeiter und Soldaten seien von einer Stelle aus geleitet worden. Das trifft in diesem Sinne nicht zu."(2)
Als Folge des Sturzes der Monarchie wankte das Fundament des Kapitalismus wurde in seinen Grundfesten erschüttert. Als am 11. November 1918 der Krieg trotz aller Bemühungen reaktionärer Generäle, die Waffenstillstandsverhandlungen zu verschleppen und gestellte Bedingungen abzulehnen, aufgrund des revolutionären Drucks des Proletariats ein offizielles Ende fand, gab es 10 Millionen Tote und die gleiche Anzahl Kriegsinvaliden zu beklagen.
Bereits am 9. November kam es in Deutschland zu einer Doppelherrschaft. Karl Liebknecht rief im Auftrag des Spartakusbund in Berlin die sozialistische Republik aus und forderte: "Alle Macht den Räten!" Die rechte SPD-Führung, vertreten durch Philipp Scheidemann, proklamierte die bürgerlich-parlamentarische Republik und setzte unmittelbar alles daran, die revolutionäre Erhebung des deutschen Proletariats zu zerschlagen. Sie bildeten bereits in der Nacht des 9. November die provisorische Regierung der "Volksbeauftragten", die aus jeweils 3 Vertretern von SPD und USPD bestehen sollte. Der linke Flügel der USPD lehnte diese Regierungsbeteiligung der USPD entschieden ab.
Am 10. November fand die Vollversammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte statt. Die 3000 Delegierten wählten einen "Vollzugsrat", bestehend aus jeweils zwölf Arbeitern und Soldaten. Lenin beschrieb die Situation in Deutschland wie folgt:

"In Deutschland ist die Revolution erst vor kurzem ausgebrochen, erst ein Monat ist seit ihrem Beginn verstrichen, und die akuteste Frage ist dort - Nationalversammlung oder Rätemacht. Die gesamte Bourgeoisie ist dort für die Nationalversammlung, auch die Sozialisten - diejenigen, die beim Kaiser Lakaiendienste übernahmen, die nicht wagten, den Revolutionskrieg zu beginnen -, sie alle sind für die Nationalversammlung. Ganz Deutschland hat sich in zwei Lager gespalten. Die Sozialisten sind jetzt für die Nationalversammlung. Liebknecht aber, der drei Jahre im Gefängnis zugebracht hat, steht ebenso wie Rosa Luxemburg an der Spitze der "Roten Fahne."(3)

Die bisherigen Lakaien des Kaisers, die rechten Führer der SPD, standen schnell Gewehr bei Fuß für die Kapitalistenklasse. Sie setzten ihre verräterische, fundamental gegen die Arbeiterklasse gerichtete Politik fort, die einen ersten Höhepunkt bereits im Jahre 1914 durch die Zustimmung zu den Kriegskrediten und somit zu den Gräueltaten des imperialistischen Krieges fand.
Der SPD-Vorsitzende Friedrich Ebert als Vorsitzender der Regierung der "Volksbeauftragten" verfolgte von Anbeginn das Ziel, die revolutionäre Erhebung des Proletariats zu zerschlagen. Zu dessen Verwirklichung organisierte er sofort einen Geheimpakt mit General Gröner, dem Chef der Obersten Heeresleitung, dessen Macht ungebrochen war. Die Oberste Heeresleitung empfing die Verräter der rechten Sozialdemokratie mit offenen Armen:

"Das Offizierkorps konnte aber nur mit einer Regierung zusammengehen, die den Kampf gegen den Radikalismus und Bolschewismus aufnahm. Dazu war Ebert bereit, aber er hielt sich nur mühsam am Steuer und war nahe daran, von den Unabhängigen und der Liebknecht-Gruppe über den Haufen gerannt zu werden. Was war demnach näher liegend, als Ebert, den ich als anständigen, zuverlässigen Charakter und unter der Schar seiner Parteigenossen als Kopf kennen gelernt hatte, die Unterstützung des Heeres und des Offizierskorps anzubieten? ... Am Abend (des 10. November) rief ich die Reichskanzlei an und teilte Ebert mit, dass das Heer sich seiner Regierung zur Verfügung stelle, dass dafür der Feldmarschall und das Offizierskorps von der Regierung Unterstützung erwarten bei der Aufrechterhaltung der Ordnung und Disziplin im Heer. Das Offizierskorps verlange von der Regierung die Bekämpfung des Bolschewismus und sei dafür zum Einsatz bereit. Ebert ging auf meinen Bündnisvorschlag ein. Von da ab besprachen wir uns täglich abends auf einer geheimen Leitung zwischen der Reichskanzlei und der Heeresleitung über die notwendigen Maßnahmen. Das Bündnis hat sich bewährt."(4)

Die Führung der deutschen Sozialdemokratie verbündete sich mit Bourgeoisie und Militär, obwohl das Gros der Arbeiter und Soldaten bereit war, ihr Leben für die revolutionäre Umwälzung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu opfern.
Am 6. Dezember schlug die Konterrevolution erstmalig zu. Der Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte wurde im Abgeordnetenhaus verhaftet und demonstrierende Spartakisten aus dem Hinterhalt unter MG-Beschuss genommen, 18 Demonstranten getötet und 30 schwer verletzt. Für diese Aktion war Otto Wels, der spätere Vorsitzende der SPD, als Berliner Stadtkommandant verantwortlich.
Es gelang den sozialdemokratischen Agenten vortrefflich, als Kanalarbeiter kapitalistischer Interessen die Arbeiterklasse durch brutale Gewaltakte einzuschüchtern und unter Kontrolle zu halten. Als vom 16. bis 20.Dezember 1918 der Allgemeine Rätekongress stattfand - begleitet von einer Demonstration von 250.000 Arbeitern unter der Leitung von Spartakus sowie den revolutionären Obleuten, die dem Kongress eine Resolution mit Forderungen übergaben - verfügte die konterrevolutionäre Sozialdemokratie über 298 der 490 Delegierten. Auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht waren ohne Mandat und der Spartakusbund selbst verfügte lediglich über 10 Mandate.
Vor diesem Hintergrund stimmte die Mehrheit des Delegierten für eine bürgerliche Nationalversammlung, die am 19. Januar 1919 gewählt werden sollte.
Der Verlauf des Kongresses bestärkte die Sozialdemokratie, zum nächsten reaktionären und brutalen Schlag gegen die revolutionären Arbeiter und Soldaten auszuholen. Im Berliner Schloss war die Volksmarinedivision einquartiert. Diese Einheit bestand aus mutigen Kämpfern der Revolution, die bereits in den ersten Tagen der Revolution zu ihrem Schutze gebildet wurde. Otto Wels ordnete an, keinen weiteren Sold an diese Einheit zu zahlen. Weiterhin hätten sie das Berliner Schloss zu verlassen.
Die Division blieb standhaft und weigerte sich, den Anordnungen zu folgen. Ebert nahm Verbindung mit der Obersten Heeresleitung auf und diese rückte mit schweren Geschützen gegen die revolutionären Kämpfer vor ("Blutweihnacht 1918").
Als Folge des brutalen Angriffs verließ die USPD die Regierung. Als Konsequenz darauf ordnete Ebert an, dass alle Mitglieder der USPD leitende Stellungen im Staate zu räumen hätten. So wurde in Berlin der USPD - Polizeipräsident Emil Eichhorn gewaltsam abgesetzt. Die revolutionären Obleute und die USPD riefen zu Massendemonstrationen gegen die Regierung auf.
Zum Jahreswechsel 1918/19 fand der Gründungskongress der KPD statt. Das Hauptreferat hielt Rosa Luxemburg ("Über die Aufgaben der proletarischen Revolution"). Sie warnte vor linkem Radikalismus und setzte sich für eine systematische Arbeit in Betrieb und Gewerkschaften ein, um so die Masse der Arbeiter für die sozialistische Revolution zu gewinnen.
Der Kongress schloss sich allerdings mehrheitlich dem linksradikalen Flügel an und lehnte es ab, an den Wahlen zur Nationalversammlung teilzunehmen.
Am 5. Januar kam es zu einer machtvollen Kundgebung der revolutionären, teils bewaffneten Arbeiter. Karl Liebknecht formierte einen revolutionären Ausschuss zur Leitung des Aufstands, obwohl sich die KPD-Führung mehrheitlich gegen einen Aufstand zum Sturze der Regierung ausgesprochen hatte. Der revolutionäre Ausschuss forderte die Regierung zum Rücktritt auf. Ebert wollte Zeit für den konterrevolutionären Gegenschlag gewinnen und forderte Verhandlungen.
Der sozialdemokratische Innenminister Noske wurde mit dem Aufbau von Freikorps-Truppen zur Niederschlagung der revolutionären Arbeiter beauftragt. In Berlin tauchten überall Plakate mit der Aufschrift "Schlagt ihre Führer tot! Tötet Liebknecht!" auf.
Am 13. Januar wurde das Zentrum des Aufstands (das Polizeipräsidium) unter schweren Artilleriebeschuss genommen und gestürmt. Der sozialdemokratische "Vorwärts" rief in einem Artikel ebenfalls zur Ermordung der revolutionären KPD-Führung auf.
Am Abend des 15. Januar wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht nach einer Demonstration und Kundgebung verhaftet und kaltblütig ermordet. Die deutsche Arbeiterklasse verlor ihre besten und ergebensten Führer, die konsequent den Weg von Marx und Engels, den Begründern des wissenschaftlichen Sozialismus, fortsetzten.
Die blutrünstigen Noske -Truppen wüteten weiter in Berlin und anderen industriellen Zentren des Aufstands gegen die revolutionären Arbeiter. In Berlin wurden 30.000 Arbeiter das Opfer der reaktionären Schergen. Die deutsche Novemberrevolution von 1918 wurde zu einer "von der Sozialdemokratie enthaupteten proletarischen Revolution"

(Die permanente Revolution, Leo Trotzki)


1. Lenin Werke, Band 28, Dietz Verlag - Berlin, S. 90

2. Richard Müller, "Vom Kaiserreich zur Republik",
Band 2, Seite 11

3. Lenin Werke, Band 28, Dietz Verlag-Berlin, S. 366

4. Lebenserinnerungen des General Gröner in
Miller/Ritter, "Die Deutsche Revolution 1918-1919",
Seite 91f
R. Müller, "Vom Kaiserreich zur Republik", Band 2


 

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