DIE JÄGER UND DIE LÖWEN
Im
Verlauf der Menschheitsgeschichte fehlte es überhaupt nicht
an den Eroberungen, Invasionen und die Beherrschung einiger Völker
durch die anderen. Durch die Entstehung der Kapitalismus hat sich
das Schicksal der unterworfenen Völker eine grundlegende
Veränderung erlitten. In dieser Hinsicht sind die Gesellschaften
unter der Herrschaft von westlichem Imperialismus, anders als
die vorigen Herrschaftsformen, einer grundlegenden Identitätserosion
ausgesetzt. Dieser Identitäts-, Persönlich- und Geschichtslosigkeit
haben den Kolonialismus, den Imperialismus und die „externe“
Herrschaft zu einer „internen“ Kategorie verwandelt.
Die herrschende Auffassung, die den Kolonialismus und den Imperialismus
meistens als eine „externe“ Kategorie betrachtet,
hat ein ausreichendes Diskutieren dieser Problematik, die sie
verdient hat, verhindert. Nachdem der Kolonialismus als eine „externe“
Tatsache aufgehört hat, hat es keine nennenswerte Änderung
gegeben, und dies hat einen direkten Zusammenhang mit der oben
genannten Situation. Tatsächlich, trotz der Auflösung
der klassischen Form des Kolonialismus, geht alles, von dort aus
wo es stand oder manchmal seine Geschwindigkeit und Intensität
versteigernd, weiter auf seinem Weg. Der Prozess des Identitäts-
und Persönlichkeitsverlustes lässt die kulturellen Formen,
Identitäten und Werte insbesondere durch die von den „modernen
Medien“ produzierten und veröffentlichten Meldungen,
Werbung und durch die „Standardisierung“ der Konsumgewohnheiten
etc., in einer Art, die bisher in der Geschichte gar nicht gesehen
ist, zur Erosion kommen und degenerieren, trotz der „Änderung“
an den „formalen“ und „externen“ Erscheinungen.
Obgleich dies der Fall ist, wird weiterhin dieser Prozess, der
das Wesen des Menschen mahlt und ihn in eine unbekannte Kreatur
verwandelt, noch dazu als Fortschritt, Modernisierung, Entwicklung,
Aufstieg, Erreichung des Wohlstands, „Globalisierung“
usw. präsentiert. Was auch immer passiert, wird im Namen
des Universalismus, der Wissenschaftlichkeit, der Fortschrittlichkeit
etc. legalisiert. Seit dem Anfang der mit dem Abenteuer von Christoph
Kolumbus beginnenden Ära ist es keine Rede von einer beachtenswerten
Änderung weder für die unmittelbar der fremden Herrschaft
unterworfenen Gesellschaften, noch für die Gesellschaften,
deren Identität von dem ökonomischen, finanziell- diplomatischen,
ideologischkulturellen Kolonialismus zerstört wurde. Oder,
plus ça change, plus c`est la même chose, anders
gesagt, je mehr sich ändert, umso mehr bleibt unverändert.
Folglich bedeutet die Abschaffung der „realen“ Form
des Kolonialismus durch eine Nation nicht die Befreiung dieser
Nation von dem Kolonialismus, weil die Abschaffung des Kolonialismus
inzwischen nicht vom Verjagen des englischen Gouverneurs, des
französischen Generals oder der Lakaien irgendeiner kolonialen
Macht besteht. In derselben Weise ist es auch nicht unbedingt
nötig, um sich den zerstörerischen Folgen des Kolonialismus
auszusetzen, eine unmittelbare Kolonie zu sein. Wahrscheinlich
gibt es kein besseres Beispiel als das Osmanische Reich und die
Türkische Republik für diesen Fall. Obwohl das Osmanische
Reich während seiner ganzen Geschichte auf der politischen
Ebene seine Unabhängigkeit geschützt hat, konnte sich
auch nicht von dem Schicksal der unmittelbar kolonialisierten
Gesellschaften retten. Insbesondere hat sich der Autokolonisationsprozess
(sich selbst kolonisieren) mit der Gründung der Republik
beschleunigt, da die Befreiung von dem Kolonialismus und dem Imperialismus
nicht vom Importieren mancher Institutionen und „Denkweisen“
beruhte. Im Gegenteil, der Wunsch noch mehr dem Westen zu ähneln,
der Wunsch dem Westen schneller zu imitieren, würde noch
schneller und grundlegende Identitäts- und Persönlichkeitsverlust
und Geschichtslosigkeit und natürlich die Kolonisation bedeuten.
So geschah es auch. Dem Westen zu ähneln, wie der Westen
zu sein, „Entwicklung“, „Modernisierung“
u. Ä. sind aus zweierlei Gründen nicht möglich:
Erstens; wenn der Westen so ist, ist es deswegen so, weil ihr
so seid. Also, damit der Westen so ist und so bleibt, ist es nur
dann möglich, wenn ihr „so“ seid und „so“
bleibt. (Es wäre falsch, wenn diese Aussage derartig interpretiert
würde, als ob es keine Änderung gäbe. Was hier
gemeint ist, dass dieses Verhältnis sein Wesen schützend
fortsetzt.) Anders ausgedrückt, es ist zwischen dem „so“
und „so“ ein sich gegenseitig bestimmendes und determinierendes
Verhältnis vorhanden. Diese Situation bezieht sich mit der
generellen Tendenz bzw. der Durchführung des „Gesetzes“
und ihre unbedingten Folgen, die der kapitalistischen Produktionsweise
immanent sind. Denn der Kapitalismus ist ein ausbeuterischer Metabolismus,
und basiert auf die Ausbeutung des Mehrwertes. Im Laufe des Prozesses
kann er mehr auf die „tote Arbeit“ (Kapital- Maschine-Werkzeug)
beruhend weiter existieren. Aber der Kapitalismus hat eine solche
Ausweglosigkeit, weil er jedes Mal den Anteil der „toten
Arbeit“ erhöhen muss. Als natürliche Folge dieses
wirkt der Kapitalismus polarisierend aus. Während er auf
einer Seite den Reichtum vergrößert, muss er auf der
anderen Seite die Armut vergrößern. Folglich bedeutet
jede höhere Phase der kapitalistischen Entwicklung eine größere
Polarisierung. Mit anderen Worten heißt das eine größere
Armut und einen größeren Reichtum. Selbstverständlich
besteht die Problematik bloß nicht daraus, dass eine Seite
im Gegensatz der anderen Seite noch mehr reich wird als die andere
noch mehr verarmt. Die Verarmung einer Seite bedeutet gleichzeitig
für sie auch moralische Degeneration, kultureller Niedergang,
Identitätslosigkeit u. Ä. Dies weist auf die menschliche
Dimension dieser Problematik hin. Dass die kapitalistische Klasse
immer mehr reicher wird, beschränkt sich nicht nur darauf,
dass eine verarmte Mehrheit dadurch produziert wird, sondern die
Zerstörung der Natur kommt auch noch dazu. Wenn das „Reicherwerden“
eine Folge der Erosion und Zerstörung, die auf der gesellschaftlichen
und natürlichen Ebene stattfinden, ist, dann wie kann es
wirklich von einem Aufstieg des globalen Reichtums und Wohlstands
die Rede sein?
Während
dies der Fall ist und trotz der zerstörerischen ökonomischengesellschaftlichen-
ökologischen Folgen, wie könnte es vorkommen, dass das
gültige Paradigma nicht zum aktuellen Diskussionsthema gemacht
wird oder nicht ausreichend diskutiert wird? Oder dass es seit
so langer Zeit seine Existenz und Effizienz weiterhin bewahren
kann? Nun ist die grundsätzliche Frage, auf die dieser Text
beantworten soll… Wenn der Ausgebeutete bzw. der Beherrschte
sich von der Annahme der Begriffe und der ideologisch-intellektuellen
Mittel, die von den Ausbeutern bzw. den Herrschenden produziert
und verbreitet werden, nicht befreien und noch dazu diese Begriffe
und Mittel verinnerlichen würde, oder wenn es ihm/ihr nicht
bewusst würde, dass diese Begriffe was für eine Bedeutung
haben und für wen diese gültig ist, dann ist es nicht
möglich, dass er/sie dem gültigen Paradigma widersteht
oder den Prozess rückgängig macht. Der grundlegende
Unterschied, der die kapitalistische Herrschaft von den vorigen
Herrschaftsformen unterscheidet, besteht daraus, dass sie die
Identität der ihrer Herrschaft unterworfenen Gesellschaften
zerstört und sie entwurzelt. Das heißt, die kapitalistische
Herrschaft zerstört die Verbindung dieser Gesellschaften
mit ihrer eigenen Geschichte, indem sie sie ihr selbst und ihrer
eigenen Vergangenheit entfremden lässt. Auf der ideologisch-
kulturellen Ebene heißen die entwurzelten Gesellschaften,
dass sie zwar physisch nicht vernichtet wurden, aber hingegen
auf der kulturellen Ebene schon vernichtet wurden. Heute tragen
die auf der Dritten Welt lebenden Völker den Rest eines solchen
Angriffs in ihrer Konstitution. Selbstverständlich haben
die außereuropäischen Völker durch den Kolonialisten
und der Imperialisten nicht nur den kulturellen Massenmord erlitten,
sondern die Identität dieser Völker wurde auch von ihnen
zerstört. Das Genozid war an vielen Orten keine Ausnahme,
sondern die Regel. So zum Beispiel, in der Zeit, die nach dem
Betreten der amerikanischen Inseln durch Christoph Kolumbus verging,
die weniger als ein Jahrhundert dauerte, ist die Bevölkerungsanzahl
des mexikanischen Volkes, das die großartige Zivilisation
von Azteken und Maya gegründet hat, von 25 Millionen auf
1,5 Millionen gesunken, dies betrifft 90 % der gesamten Bevölkerung.
Auf gleiche Weise im Zentrum der Zivilisation von Inka, in Peru
ist die Anzahl der Bevölkerung um 95 % gesunken (Beaud, 1990).
Obwohl in der mit den „Entdeckungen“ beginnenden Ära
gegen den „zivilisierten weißen Mann“ unzählige
Aufstände, Rebellionen und Kriege stattgefunden haben, haben
das Geschrei und der Kampf derjenigen, die gegen die Unterdrückung
rebellieren, fast gar nicht in den Geschichtsbüchern, die
durch ihn geschrieben sind oder die er schreiben lässt, gestanden.
Selbstverständlich wie es in diesem afrikanischen Sprichwort
lautet: „Bis die Löwen ihre eigenen Geschichtsschreiber
haben, werden die Jagdgeschichten immer den Jäger erheben.“
Die
kolonialistischen Europäer haben den als Entdeckung bezeichneten,
unglücklichen Abenteuer, der in Wirklichkeit eine „Eroberung“
ist, auch mit der Schaffung einer Weltkarte begonnen, und sie
haben allen Orten, die sich auf der Karte befinden, einen Namen
gegeben. Diese Namen konnten von ihnen leicht ausgesprochen werden.
„Die Matrosen haben Kolumbus mit einem Boot auf dem Lande
gebracht. Er hat das Land betreten, hat niedergekniet und gebetet.
Dann hat er der Insel einen Namen gegeben: San Salvador. Und hat
er zugefügt, dass dieses Land ab jetzt Ferdinand und Isabella
gehört. Er versuchte mit dem Volk von San Salvador zu sprechen,
aber die haben ihn nicht verstanden.“ (Bill Bigelow, 1992)
Der Inhalt und die Bedeutung eines gesellschaftlichen Ereignisses
ändern sich je nach den Personen, die dieses Ereignis erzählen…Ein
Mann, der Christoph Kolumbus heißt, „entdeckt“
eine Insel, und der gibt sogar dieser Insel und dem Volk, das
auf der Insel lebt, einen Namen. Selbstverständlich ist das
nicht alles. Er bringt dorthin europäische Kultur, seine
Technologie, seine politischen Institutionen mit. All dies macht
er natürlich, um die zivilisationslosen Wilden etwas zivilisieren
zu können. In Wirklichkeit die auf der „neuen Welt“
lebenden, einheimischen Völker wussten ganz genau, dass das
Land, worauf sie leben, gar nicht entdeckt zu werden brauchte.
Auf gleiche Weise brauchten sie auch nicht, dass die Europäer
dem Land und dem Volk einen Namen geben, weil alle bereits einen
Namen besaßen. Leider derjenige, der über die Vergangenheit
einer Gesellschaft herrscht, kann zum Teil über ihre Gegenwart
herrschen. Deshalb ist das historische Gedächtnis einer Gesellschaft
ein wichtiges Kampfgebiet, da eine Gesellschaft, um sich entwickeln
zu können, erst zurücknehmen soll, was sie verloren
hat. In der nach dem II. Weltkrieg beginnenden Ära hängte
die Voraussetzung der Abschaffung des direkten Kolonialismus,
damit der Weg zur Unabhängigkeit und Freiheit frei gemacht
werden kann, davon ab, dass auch der Verstand von der Invasion
befreit wird, dass der Bewusstsein über den kulturellen Imperialismus
siegt. Aber die nach der Abschaffung des Kolonialismus gegründeten
„neuen Staaten“ konnten einem solchen Unglück,
nämlich alles was dem Kolonialismus gehört zu „vererben“,
nicht entkommen. Solange die Bedeutung des Kolonialismus, seine
Wichtigkeit und seine Folgen nicht zum Bewusstsein gebracht werden,
solange all dies mittels einer radikalen Kritik nicht überwunden
wird, hätte es gar keinen Wert haben können, dass eine
Änderung bei der Herkunft des Regierenden stattgefunden hat.
Weil diese grundlegende Problematik nicht ausführlich diskutiert
wurde, wurde sie zum Imitieren des Westens reduziert. Dies bedeutete
sich auf einen endlosen Weg zu machen. „Trotz des Westens,
westlich werden“ war nicht möglich. Eigentlich diese
Idee, dass „trotz des Westens, westlich werden“ möglich
sei, bezieht sich darauf, dass man nicht wusste, was es behindert
wie der Westen zu sein. Und dieser oben erwähnte Slogan war
eine Manipulation, die durch die westlich eingestellten einheimischen
Eliten, die von diesen gültigen, ungleichen Verhältnissen
profitieren, durchgeführt wurde, damit die Menge davon abgelenkt
werden könnte. Dass die eurozentristische Ideologie sich
verbreitet und die geistig-intellektuelle Ebene besetzt hat, war
nicht nur mit der „Entdeckung“ der bereits Gewussten,
der Auferlegung der westlichen Institutionen, der Kolonialisierung,
der Versklavung, dem Genozid begrenzt. Eine andere enorm wichtige
„Entdeckung“ war die Entdeckung der „Knappheit“.
Die Entdeckung der Knappheit bedeutete auch die Entdeckung der
Armut. Deshalb war die „Knappheit“ wahrscheinlich
die größte Erfindung der neugeborenen Zivilisation
von Bourgeoisie. „Die Ressourcen sind knapp, aber die Bedürfnisse
der Menschen hingegen sind unbegrenzt bzw. unendlich…“
Wenn die Ressourcen knapp und die Bedürfnisse unendlich sind,
dann wird es zwischen den Menschen, die diese knappen Ressourcen
besitzen wollen, einen permanenten Krieg geben. Anders gesagt,
„der Mensch ist dem anderen dessen Wolf (homo homini lupus)“.
Die Knappheitsrhetorik bildete den wesentlichen Stützpunkt
der bourgeoisen Wirtschaftstheorie. Die an den Universitäten
unterrichteten, in die Volkswirtschaftslehre einführenden
Bücher beginnen mit diesem Satz: „Die Ressourcen sind
knapp, die Bedürfnissen hingegen sind unbegrenzt“.
Und diejenigen, die diese Bücher schreiben, als „wissenschaftliche
Werke“ bezeichnen, lesen und unterrichten, und die Studenten,
die diesen Unsinn wissenschaftlich nennen und lernen, niemals
kommt auf ihren Gedanken die Frage zu stellen, ob es tatsächlich
so wäre. Aus zweierlei Gründen tun sie das nicht, entweder
wollen sie gar nicht oder können sie gar nicht. Erstens,
diejenigen, die solche Fragen stellen, werden, weil sie angefangen
haben über das gültige Paradigma kritisch nachzudenken,
in Anlehnung an der Behauptung, dass sie „das wissenschaftliche
Gebiet verlassen haben“, oder dass sie „ideologische
Elemente rein in die Arbeit gebracht haben“, isoliert. Zweitens,
die DozentInnen, die an den Universitäten Vorlesungen anbieten,
haben eine feste Überzeugung davon, dass was sie selber lesen
und den Studierenden lesen lassen, die „universale Wissenschaft“
sei. Im Übrigen ist es für sie nicht einfach ein so
hohes Wissensniveau zu erreichen, damit sie merken können,
dass eine universell gültige Wirtschaftswissenschaft überhaupt
nicht möglich ist. Ein weiterer Grund dazu ist, dass die
akademischen Milieus und die Ökonomen der Dritten Welt anstatt
die Produzenten der Sozialwissenschaften zu sein, nur als „Verbraucher“
der Sozialwissenschaften bleiben. Die ÖkonomenInnen, die
AkademikerInnen, die DiplomiertenInnen der Länder wie unser
denken immer ungefähr in der Art: „Wenn er/sie so sagt,
dann heißt das, weiß er/sie auch Bescheid…“
Und das Minderwertigkeitsgefühl, das die WissenschaftlerInnen
und die „Intellektuellen“ der kolonialisierten Länder
gegenüber den westlichen WissenschaftlernInnen und den DenkernInnen
verinnerlicht haben, hindert sie am kritischen Nachdenken über
die üblichen Paradigmen und am Ändern ihrer Perspektiven.
Ihre Agenda wird schon immer durch „die westlichen klugen
Menschen“ bestimmt. Die wesentlichen Gründungsväter
der bourgeoisen Ideologie und des bourgeoisen Wirtschaftsdenkens
wie z.B. Francis Bacon, Thomas Hobbes, John Locke, Adam Smith
etc. sind auch Gründer einer neuen Moralauffassung geworden,
da das grenzenlose Begehren und die Verwöhntheit in der üblichen
Moralauffassung der präkapitalistischen Zivilisationen niemals
als eine Tugend betrachtet wurden. Die allen großen Religionen
und Kulturen vor dem Kapitalismus wie etwa die Ureinwohner Amerikas,
der Buddhismus, das Christentum, der Konfuzianismus, die griechische
Antike, der Hinduismus, der Islam, das Judentum, der Taoismus
usw. haben die Verschwendung, den verwöhnten Konsum und die
Ausschweifung verurteilt (Alan T. Durning, 1992, 144). Wenn die
These über die Grenzenlosigkeit des menschlichen Begehrens
als Ausgangspunkt angenommen wird, dann stellt die Entdeckung
der „Knappheit“ ein Erfordernis dar. Francis Bacon
behauptete, dass die Menschheit mittels der technischen Entwicklung
über alles herrschen werde, und seiner Meinung nach werde
auch die Natur nicht mehr ein Hindernis vor der Menschheit bilden.
Thomas Hobbes hat es, dass die Gewalt ein „Vergleichselement“
sei, so ausgedrückt: „Wenn zwei Menschen nach demselben
Gegenstand streben, den sie jedoch nicht zusammen genießen
können, so werden sie Feinde und sind in Verfolgung ihrer
Absicht, die grundsätzlich Selbsterhaltung und bisweilen
nur Genuss ist, bestrebt, sich gegenseitig zu vernichten oder
zu unterwerfen.
Daher
kommt es auch, dass, wenn jemand ein geeignetes Stück Land
anpflanzt, einsäet, bebaut oder besitzt und ein Angreifer
nur die Macht eines einzelnen zu fürchten hat, mit Wahrscheinlichkeit
zu erwarten ist, dass andere mit vereinten Kräften anrücken,
um ihn von seinem Besitz zu vertreiben und ihn nicht nur der Früchte
seiner Arbeit, sondern auch seines Lebens und seiner Freiheit
zu berauben. Und dem Angreifer wiederum droht die gleiche Gefahr
von einem anderen.“ (Leviathan, 1989, 95). Hobbes hat in
seinem Werk auch das geschrieben: „Wetteifer um Reichtum,
Ehre, Befehlsgewalt oder eine andere Macht führt zu Streit,
Feindschaft und Krieg, da der Weg des einen Bewerbers zur Erlangung
seines Wunsches dazu führt, den anderen zu töten, zu
unterwerfen, zu verdrängen oder zurückzuwerfen.“
(Leviathan, 1989, 76). Die oben genannten zwei Zitierungen von
Thomas Hobbes weist darauf hin, wie die Idee der „Knappheit“
ausgedacht ist. Falls Sie etwas haben möchten, dann müssen
Sie es verhindern, dass jemand andere es bekommt… Einer
der Schöpfer der Idee der Knappheit John Locke bringt eine
andere Begründung in den Vordergrund. Nach der Meinung von
Locke ist die Erde und die Natur nicht in der Lage allen zu sichern,
was sie brauchen. Also wir müssen noch mehr produzieren,
um dem Problem der Knappheit zu entkommen. Wenn dies der Fall
ist, dann sind das ökonomische Wachstum und die Expansion
der einzige Weg dafür, damit die Gefahr der Knappheit überwunden
werden kann. Demnach bleibt der Menschheit nur eine Wahl übrig:
Um sich von der Knappheit befreien zu können, vorwärts
schreiten. Mit dieser Einstellung wird die Natur als der hauptsächliche
Feind erklärt. In dieser Hinsicht ist es auch möglich
die westliche Aufklärung und den Fortschrittsmythos als Flucht
aus Knappheit zu verstehen. Während eine solche gedankliche
Fiktion Geltung hatte, konnten die Expansion und der Kolonialismus
in Anlehnung an die Idee der Knappheit „legalisiert“
werden. Locke hatte so „dort (in Amerika) wohnt der König
eines breiten und gesegneten Landes in einem schlechteren Haus
und zieht sich schlechter an als ein englischer Tagelöhner“
geschrieben (1960, 1690). In derselben Richtung hat Cecil Rhodes,
der begeisterte Imperialist des 19. Jahrhunderts, gesagt, dass
der Imperialismus notwendig sei, um den Klassenkampf in England
zu vermeiden. „Falls ich es hätte verwirklichen können,
hätte ich Planeten annektieren möchten.“ (H. Arendt,
1951, 124). Adam Smith, der als Vater der bourgeoisen Ökonomik
gilt, hat auch ganz offen dargelegt, wie die Welt außer
Europa im westlichen Denken betrachtet wird. Die WestlerInnen
hielten bereits im 18. Jahrhundert die außereuropäischen
Gesellschaften für die Länder, in den Knappheit, Hungersnot
und Elend herrschen. Als Kolumbus das Land, das heute Haiti heißt,
betreten hat, hat er von „schönen Bergen, grünen
Tälern und den Menschen, die in den schönen Häusern
wohnen, sich gut ernähren und glücklich leben“,
gesprochen. Heute ist dies aber nicht der Fall. Haiti ist jetzt
das ärmste Land des Amerikas. Smith hatte in seinem berühmten
Werk, Wohlstand der Nationen, so geschrieben: „Wenn es dem
so ist, muss ein Unterschied, zwischen den Sachen eines europäischen
Herrschers und des fleißigen, sparsamen Bauers, und zwischen
den Sachen dieses Bauers und der vielen Königen Afrikas,
die über das Leben und der Freiheit der nackten Wilden verfügen,
immer vorhanden sein.“ (1948,15) Der Weiße entscheidet
darüber, dass die Menschen der außereuropäischen
Gesellschaften faul, unbrauchbar, melancholisch, ängstlich,
minderwertig, unkühn, lügnerisch und widerstandsunfähig
sind. Selbstverständlich hätte es die heilige Pflicht
der Europäer sein können, die außereuropäischen
Gesellschaften, die die derart viele Talent- und Fähigkeitsschwäche
haben, zu zivilisieren, zu modernisieren, aufzubauen, zu „erziehen“…Mission
civilisatrice… „Wenn der Kolonisator den Einheimischen
mit den bestgeeigneten Begriffen definieren möchte, dann
wendet er sich ständig an die die Tiere betreffenden Wörter
und Begriffe.“ (Frantz Fanon, 1994, 35). Einer von den berühmtesten
Philosophen des 20. Jahrhunderts, J. P. Sartre, hat so „…weil
es bei uns nicht konsequenteres als ein rassistischer Humanismus
gibt. Es konnte dem Europa human zu sein nur so gelingen, indem
es Sklaven und Monster schaffte“ (Fanon, 1994, 22) geschrieben.
Die
Aussage über die Überlegenheit und
die Einzigartigkeit von Europa
Bei
der Entstehung und Verbreitung der eurozentristischen Ideologie
hat das Einzigartigkeits- und Überlegenheitsthema von Europa
einen wichtigen Platz eingenommen. Vor allem hat sich der Gedanke
verbreitet, dass die „westliche Zivilisation“ von
den anderen Zivilisationen nicht beeinflusst wurde und nicht entlehnt
hat. Zu diesem Zweck wurde die Kontinuität der Geschichte
geleugnet und anstatt dessen eine rassistisch-zentristische Ideologie
produziert. Gleichzeitig war es auch notwendig die zwei Stützpunkte
des Überlegenheits- und Minderwertigkeitsverhältnisses
zu gründen. Europa sei überlegener, weil es über
die Feuerwaffen, modernen Maschinen und „zivilisierten“
Institutionen verfüge. Die außereuropäischen Gesellschaften
sind rückständig, weil sie davon „ausgeschlossen“
sind, was Europa besitzt. Die Europäer haben sich nicht so
angestrengt, um den Ersten zu beweisen. Zu der Bildung des Zweiten
aber eilte der Orientalistik zur Hilfe. Der Autor des Buches,
„Der Orientalistik: Der Entdeckungsflügel des Kolonialismus“,
der berühmte Wissenschaftler mit palästinensischer Herkunft,
Edward Said, hat in seinem Buch mit „…Europa hat seine
eigene Kultur mit Hilfe eines Orientbegriffs, den es nur formell
betrachtete, bestimmt und verstärkt“ (Said, 1995, 15),
genau das gemeint. Damit die Einzigartigkeit der europäischen
Zivilisation bewiesen werden konnte, musste ihre Stammbaumkette
mit der asiatischen und afrikanischen Zivilisationen der Antike
zerrissen werden. Zu diesem Zweck unternahmen sie zu „beweisen“,
dass die griechische Antike von der ägyptischen Antike gar
nicht beeinflusst wurde. Dagegen bedeutet den Einfluss von Ägypten
und Phöniziern über die griechische Zivilisation zu
leugnen, die Geschichte zu entstellen. Infolgedessen haben sie
sich eine arische Rasse auszudenken gezwungen, um die griechische
Zivilisation der Antike von den anatolischen, ostmediterranen,
ägyptischen, sudanischen u. ä. zu trennen, die Übertragung
und die Kontinuität zu leugnen. Je mehr der Kolonialismus
seine Effizienz erhöhte, desto mehr auffälliger wurden
die Respektlosigkeit und die Diskriminierung des europäischen
Weißen gegenüber den außereuropäischen Zivilisationen.
Es wurde eine neue Version der Geschichte entwickelt, in der behauptet
wird, dass das Christentum und die griechische Antike „europäisch“
seien, und dass sie auch die Wiege der Zivilisation und der Philosophie
seien. Nachdem, dass die genetischen Eigenschaften der europäischen
Rassen bezüglich ihrer geistig-intellektuellen Fähigkeiten
im Vergleich mit den anderen, die außerhalb von Europa leben,
differenziert sind, einmal „wissenschaftlich“ bewiesen
wurde, wurde es nicht mehr benötigt, dass die „weit
entwickelte“, „überlegene“ und „begabte“
arische Rasse von Europa die außereuropäischen Gesellschaften
als Subjekte, als Persönlichkeiten, die alleine existieren
müssen, betrachtete. „Was und wie“ die Menschen
der außereuropäischen Welt sein müssen, „ob
sie weiterhin existieren werden oder nicht“, all dies wird
wiederum von den „zivilisierten“, „überlegenen“
und „begabten“ Europäern entschieden. Andererseits
machte die Verteidigung dieser Eigenschaften der „reinen“,
„anständigen“ und „ein Symbol der Zivilisation
seienden“ Europarasse es nötig, dass ihr Kontakt mit
„minderwertigen Rassen“ verhindert werden muss, damit
die minderwertigen Rassen die arischen Rasse nicht degenerieren
können. Das ist der Grund, warum sie zu beweisen versuchten,
dass die griechische Zivilisation sich nicht mit Semiten vermischt
hat. Nur die reinen Rassen konnten Schöpfer einer Zivilisation
werden und diese Eigenschaften besitzende einzige Rasse war die
arische Rasse, die sich in der Persönlichkeit des europäischen
Weißen verkörperte. Auf gleiche Weise, um die Stammbaumkette
des Altgriechischen mit Ägypten, Phönizier und östlicher
Mittelmeerregion zu zerreißen, ist die indogermanische Sprachfamilie
erfunden. Tatsächlich geht es nicht, ohne dass man die Fähigkeiten
der Europäer im Bereich der „Entdeckungen“ zugibt.
In diesem Fall musste das akzeptiert werden, dass diejenigen,
die indogermanisch sprechen, eine Rasse bilden. EuropäerIn,
der/die darüber entscheidet, was wahr, was Wissenschaft,
was gut, was schlecht usw. ist, könnte selbstverständlich
die gebrauchte Sprache mit der Rasse identifizieren. Also diejenigen,
die indogermanisch sprechen, bildeten dementsprechend die arische
Rasse, und die Wurzeln dieser Rasse beruhten auf Mittelasien.
Die Ähnlichkeiten zwischen der Sprache der Sanskrite, die
in Indien gesprochen wird, und der westlichen Sprachen haben die
Arbeit erleichtert.
Nachdem
die Geschichte der Menschheit einmal entstellt wurde, nachdem
die Kontinuitätsverbindung zwischen der großen Zivilisationen
der präkapitalistischen Ära und der „europäischen
Zivilisation“ geleugnet wurde, ist es einfacher geworden
eine eurozentristische Geschichtsauffassung aufzuzwingen. Demgemäß
stammt alles, was die Menschheit während des Zivilisationsprozesses
hervorgebracht hat, aus Europa. Heute denkt ein durchschnittlicher
Dritte Welt-Bürger, dass die Druckmaschine eine Erfindung
des Westens ist, und trauert auch der verspäteten Übernahme
nach. Er glaubt auch noch, dass es zwischen der Erfindung des
Druckers und dem Fortschritt, der Entwicklung und „der Aufklärung“
eine positive Korrelation gibt. Sie/er kommt nicht auf den Gedanken,
dass der Drucker als ein Herrschaftsmittel des Kolonialismus und
des Imperialismus benutzt wurde oder benutzt werden konnte, indem
der Drucker die „modernen Mythen“ und die „modernen
Aberglauben“, die die eurozentristische Ideologie bilden,
verbreitete. So zum Beispiel wurde es bis vor kurzem in den Schulen
unterrichtet, dass der Drucker eine europäische Erfindung
ist. Doch die Druckmaschine, die aus den beweglichen Buchstaben,
dem Metal und Holz besteht, war bereits am Anfang des 14. Jahrhunderts
in China und Korea vorhanden. Es gibt ein Werk, das im Jahre 1397
in Korea mit einer Druckmaschine, die aus Metal besteht, gedruckt
worden ist (M. Bosche, 1996, 25). Laut der neuen Version der Geschichte
hat die Menschheit zwei unterschiedlichen Evolutionslinien gefolgt.
Eine davon ist die Linie, der das Europa folgte, und damit schließlich
den Kapitalismus schaffte. Und die andere ist diejenige, der die
außereuropäischen Gesellschaften folgten. Die sollte
aufgrund ihrer Natur zum Fortschritt, zur „Veränderung“
und „Evolution“ nicht fähig sein. Zusätzlich
ein anderer Unsinn wurde ausgedacht, der nämlich besagt,
dass alle Gesellschaften zwangsläufig „fünf Phasen“
durchlaufen. Bei der Verbreitung dieser „fünf Phasen-These“
hat die linke „Idee“ sogar das rassistische Rechts
hinter sich gelassen. Mit einer solchen ideologische Manipulation
hoffte das herrschende westliche Denken zwei Dinge zu beweisen.
Schließlich, in der Vergangenheit des die bourgeoise Zivilisation
hervorgebrachten Westens waren der Feudalismus, die auf Sklaverei
basierende Produktionsweise und die Urkommune. Und lediglich war
nur diese griechisch-römische Tradition in der Lage sich
in den Kapitalismus umzuwandeln. Die Linke hat diese These genauso
übernommen, und hat zur letzten Phase den Sozialismus hingefügt.
Auf diese Weise wurde die These, dass alle Gesellschaften diese
fünf Phasen durchlaufen oder durchlaufen müssen, als
eine feste, unveränderliche Wahrheit erklärt. Selbstverständlich
hängt die Befreiung der Menschheit vom Herrschen der Freiheit,
der Gleichheit, der Solidarität, der Brüderlichkeit
ab, und dies kann nur in einer sozialistischen Gesellschaft wahr
werden, weil die bourgeoise Ideologie den Menschen auf den „Produktionsfaktor“
reduziert. Aber, der Grund, warum die offizielle Sowjetideologie
die „fünf Phasen-These“ so stark betont hat,
war die Sorge ums Beweisen, dass das gültige in der Sowjetunion
„sozialistisch“ gewesen sei. Dagegen war die Sklaverei
als eine Produktionsweise in der Geschichte der Menschheit meistens
eine Ausnahme. Auf gleiche Weise war es keine Rede davon, dass
die europäische Art des Feudalismus und die üblichen
Produktionsweisen in den großen Zivilisationen der präkapitalistischen
Ära miteinander übereinstimmt haben. Natürlich
besteht es immer die Gefahr während man sich dem Eurozentrismus
widersetzt, einen „umgekehrten Zentralismus“ zu bilden.
Auf den Eurozentralismus mit einem „Afrika- Zentralismus“
oder „Asien- Zentralismus“ u. ä. zu antworten,
bedeutet nämlich die Negation mit anderen Begriffen reproduzieren.
Während mensch sich heute der Invasion von Coca Cola und
der ideologischkulturellen Vergiftung widersetzt, sollte mensch
auch gegenüber dem Risiko, das das wirklich universale vor
dem Auge zu verlieren bedeutet, empfindlich sein. Vor allem ist
jede Zivilisation unbedingt die Fortsetzung ihres Vorfahrens,
zweitens, keine Zivilisation ist völlig negativ und keine
ist blitzblank. Die bourgeoise Zivilisation ist selbstverständlich
eine wichtige Haltestelle in der Zivilisationsgeschichte in Bezug
auf ihre Initiativen auf der technologischen Ebene, die Überwindung
der Metaphysik, und obwohl sie nur auf der Aussageebene geblieben
sind, hat in Bezug auf die Stellung der Idee von Freiheit, Gleichheit
und Demokratie zur Diskussion vor die Menschheit gebracht. Aber,
dass die kapitalistische Produktion Profit orientiert ist, dass
die Technologie und der technologische Fortschritt als Profitmittel
fungiert, dass der Kapitalismus einen polarisierenden Charakter
hat, dass er kein Respekt vor Menschen und der Natur hat, dass
er die Menschen, anstatt für eine Persönlichkeit und
ein Subjekt zu halten, als ein Produktionsfaktor wie Maschine,
Werkzeug oder Erde u. ä. betrachtet, bringt einerseits eine
ernsthafte Disharmonie zwischen der Rhetorik und der Realität
hervor, und andererseits setzt die Zukunft der Menschheit und
der Zivilisation der Gefahr aus.
Der
tiefe Kern des Eurozentrismus bzw.
„das Verinnerlichen des Kolonialismus“
L.V.
Thomas, in seiner „Anthropologie des Todes: Antropologie
de la mort“, wollte mit „wir sollten darauf das Recht
haben diese Frage zu stellen, ob es einen noch fürchterlichen
Tod gibt als ein Volk seiner eigenen Identität zu berauben“
(Latouche, 1986, 163) wahrscheinlich dies unterstreichen, wie
wichtig die Identität für eine Gemeinschaft ist. Zweifellos
hat das eurozentristische bourgeoise Denken die Rolle der Eroberungen,
der Plünderung des amerikanischen Kontinents, der Versklavung
Afrikas, der Ausbeutung Asiens bei der Entwicklung des Kapitalismus
zu berücksichtigen bewusst vermeidet, wenn nicht, dann hat
es ihre Wichtigkeit herabgesetzt. Indessen war die Plünderung,
die Ausbeutung der außereuropäischen Welt das Wesentliche
der Hauptelemente der kapitalistischen Kapitalakkumulation. Deshalb
nehmen das Forttragen des Reichtums von Südamerika nach Europa,
die Kolonien- und Sklavenarbeit, -blut und – träne
bei der Finanzierung der Industrialisierung des Westens einen
wichtigen Platz ein. Laut einer vorsichtigen Einschätzung
erreichte der Wert des zwischen 1492-1800, als Folge der Ausbeutung
und Plünderung von Südamerika nach Europa gebrachten
Reichtums gemäß dem Gold/Dollar Wechselkurs vor 1914,
6 Milliarden Dollar, und diese Zahl ist gleich mit dem Wert des
in 1800, in Europa bei der Industrie investierten gesamten Kapitals
(H. Koning, 1992, 24). Die marxistische Linke hat diese Seite
der Problematik für wichtig gehalten und ist beim Vorlegen
des Kausalitätsverhältnisses zwischen dem Reichtum des
Westens und der Verarmung, der „Unterentwicklung“
des Asiens, Afrikas, Südamerikas und des Nahostens erfolgreich
geworden. Aber sie hat die ideologischkulturelle Zerstörung
durch den Kolonialismus und den Imperialismus nicht berücksichtigt.
Diese Situation war weder ein Zufall noch eine Folge der Vernachlässigung.
Die marxistische Linke teilte auch das herrschende eurozentristische
Paradigma über das Entwicklungs- und das Modernisierungsthema.
„Während die westlichen Radikalen den ökonomischen
Imperialismus verurteilten, setzten sie das Westlichwerden der
Welt in einer anderen Weise fort. Ihre Konkurrenten aus der Dritten
Welt jedoch vertieften diesen Prozess, indem sie eine selbstlose
Mühe für den Entwicklungskampf gaben.“ (Latouche,
1993,71) In Wirklichkeit gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen
der Leugnung bzw. der Zerstörung der Identität einer
Gesellschaft und ihrer „dialektischen Überwindung“,
denn eine identitätslos gewordene Gesellschaft verliert die
Fähigkeit ihre eigene Realität mit eigenen Augen zu
sehen. Sie kann nicht mehr eine Persönlichkeit haben oder
ein Subjekt sein. Unter diesen Bedingungen wäre es unvermeidlich,
dass die Betrachtungsweise des „Anderen“, des „Äußeren“
verinnerlicht wird, deswegen ist der Verlust oder die Zerstörung
der kulturellen Identität wichtiger als der ökonomische
Niedergang. Andererseits ist es nicht sinnvoll das Ökonomische
getrennt von den anderen, also „autonom“ zu behandeln.
Herrschende westliche Ideologie sieht als Voraussetzung des Fortschritts,
der Modernisierung und der Entwicklung einer Gesellschaft bzw.
einer Nation, das Entfernen dieser Gesellschaft oder Nation von
ihrer eigenen Vergangenheit, eigenen Kultur und die Entfremdung
zu ihrer eigenen Geschichte vor. Wenn der Kolonialismus und der
Imperialismus so eine Zerstörung durchführen, dann heißt
das, dass sie eine fortschrittliche Mission übernehmen. Dass
eine „äußere Einflussquelle“, die als einziges
Ziel Plünderung und Ausbeutung vor sich hat, für den
Träger einer fortschrittlichen Mission gehalten wird, kann
nur als Folge einer fanatischen eurozentristischen fixen Idee
über die Fortschrittlichkeit sein. Dass der Kolonisator den
Gesellschaften, über die er herrscht, „zivilisierte“
Kultur überträgt, dass er somit die Kulturlücke
mit eigener Kultur ausfüllt, ist eine Behauptung von der
westzentristischen Weltauffassung. Hierüber schreibt Serge
Latouche dies mit Recht: „Diese Ersetzung ist keine Kultivierung,
weil es keine Rede davon ist, dass der westliche Mythos angeeignet
und mit der blutigen Aggressivität der westlichen Werte vereinigt
wird. Mit einer noch einfacher Erläuterung, eine verletzte
Gesellschaft, die nicht mehr sich mit eigenen Augen sehen kann,
die nicht mehr mit eigenen Worten sich äußern kann,
die nicht mehr ihr eigenes Arm hat, wird sich die Betrachtungsweise
des anderen aneignen, mit den Worten des anderen sprechen und
mit den Armen des anderen arbeiten. Der Zauber ihrer Welt ist
gehörig verschwunden. Dieser Ausdruck „Verschwinden
des Zaubers“ soll hier Wort für Wort übertragen
werden. Nach dem Tod ihrer Götter, nachdem ihre Legenden
Märchen geworden sind, nachdem ihre Bemühungen nutzlos
und nicht ausreichend geworden sind, was bleibt denn ihr übrig?
Diese Gesellschaft, die nicht westlich ist, kann sich in einer
bedeutungslosen Nacktheit entdecken, wie der Westen schon bekannt
gemacht hat; sie befindet sich in einem miserablen Zustand.“
(1993, 78)
Es
gibt keine größere Katastrophe als das für eine
Gesellschaft, dass sie nicht mehr mit eigenem Kopf denken kann,
mit eigenen Augen nicht sehen kann, mit eigenem Arm nicht arbeiten
kann. Demnach kann eine auf den solchen Zustand gebrachte Gesellschaft
sich auf jeder Ebene und jeder Phase nicht von der „Unterwerfung
dem Außen bzw. der Wille des Außen“ befreien.
„Auf der internationalen Ebene als unterentwickelt bezeichnete
und Tag für Tag immer mehr zurückbleibende Gesellschaft
der Dritten Welt hat gar keine andere Wahl als ihre Tat in einen
Rahmen einzusetzen, der eine Entwicklungsstrategie beinhalten
sollte. Als zwangläufige Folge der Autokolonisation ist die
Entwicklung die Fortsetzung und die Verlängerung der Kolonisation.
Hier ist jetzt die Rede von dem aktiven Ruinieren dessen, der
bei dem Schock des Bedeutungsverlustes passiv ruiniert wurde.
Der Experte, der der Kultur fremd ist, ist derjenige, der das
Schicksal am besten ausführen kann.“ (Latouche, 1993,
81) Der Kolonialismus und der Imperialismus haben zwei Einbildungen
geschaffen, die von den kolonisierten und halbkolonisierten (nachher
Neukolonisierten, heutzutage wieder Kollaborateuren gewordenen)
Ländern der Dritten Welt verinnerlicht wurden: „Westen“
und „Osten“ (heutzutage sagt man „Süden“).
„Damit der Kolonisator der absolute Herrscher sein kann,
ist es allein nicht ausreichend, dass er im realen Leben so ist.
Daneben muss er auch an dessen Legitimität glauben. Dass
der Kolonisierte ein Sklave ist, reicht nicht aus für eine
vollständige Legitimität, er muss sich mit seiner Rolle
auch abfinden. Aus diesem Grunde ist die Beziehung zwischen dem
Kolonisator und dem Kolonisierten sowohl zerstörerisch als
auch schöpferisch. Erst vernichtet sie die beiden Seiten
des Kolonialismus, dann schafft sie sie als Kolonisator und Kolonisierte
wieder.“ (Memmi, 1996, 88,89) Am Ende wird nach einer bestimmten
Schwelle die Betrachtungsweise des Äußeren „verinnerlicht“.
„Das durch den Kolonisator mit Absicht produzierte und verbreitete,
dieses mythische und diskriminierende Porträt wird schließlich
bis zu einem gewissen Grad von dem Kolonisierten akzeptiert und
gelebt. Auf diese Weise, indem es eine bestimmte Realität
erhält, trägt es zum wahren Porträt des Kolonisierten
bei.“ (Memmi, 1996, 88) Es gibt keinen Zweifel daran, dass
die Orientalistik bei der Schaffung eines östlichen und westlichen
Vorbildes eine wichtige Rolle gespielt hat. Zu diesem Thema, Edward
Said: „…was sie teilten, war nicht nur Erde, Interesse
oder Herrschaft…Sie teilten die intellektuelle Macht, die
ich Orientalistik nenne. Diese Macht beruhte auf die Bibliotheken,
die Archive und die gemeinsam erworbenen Dokumente. Es gab gemeinsame
Gedanken, die all diese Archive zusammenbrachten. Diese Gedanken
stammten aus den Quellen, die mit diversen Wegen ihren Einfluss
zeigten. Im Allgemeinen, die Ideen, die den Anspruch haben, die
Verhaltensweisen der Menschen vom Osten zu untersuchen, trauten
diesen Menschen eine bestimmte Art von Logik zu, untersuchten
ihre rassischen und genetischen Eigenschaften und sahen sie in
eine bestimmte Atmosphäre. Es gibt noch weiteres…Diese
Ideen spendierten den Europäern die Möglichkeit, damit
sie die Menschen des Ostens in der Art betrachten konnten, wie
sie es wollten.“ (1995, 66) Said fügt am gleichen Ort
dies auch noch hinzu: „ Als in Großbritannien, während
des 19. Jahrhunderts, es als eine Tradition angefangen hat, dass
die Generalgouverneurs, die sich in Indien und auf anderen Orten
befinden, mit einem jüngeren Alter wie 55 pensionieren, hat
die Situation des Orientalistik schon einen feinen Punkt erreicht.
Die Menschen des Ostens konnten nicht mehr sehen, dass ein westlicher
Leiter altert hat und zusammengefallen ist. Und kein Westler konnte
das Recht haben, sich seinen östlichen Dienern anders als
ein mächtiger, kluger und lebhafter, junger Raid - Vertreter
zu zeigen.“
Von
der Reise nach Himmel zur Arche Noahs
Mit
dem Abenteuer der Konquistadoren und der Entwicklung des Kapitalismus,
die den begleitet, ist eine weltweite und radikale Polarisierung
herausgekommen. In der Zeit nach 1492 wird die Welt in zwei geteilt,
als Europa und Außer- Europa und fast wäre das Europa
„das Subjekt der Geschichte“ geworden. Die unten genannten
Worte von Robert Nisbet fasst diese Situation prägnanterweise
zusammen: „Mit einer großen Überzeugung vermuten
wir, dass die Chronologie, zu der wir die Ereignisse und die Veränderungen
(mit den nicht zu unterschätzenden Schwierigkeiten und Zwängen),
die auf dem Westeuropa genannten kleinen Teil der Welt, der eine
Verlängerung des Eurasiens ist, passieren, zugesetzt haben,
ist ebenfalls die Chronologie der Menschheit.“ (1969, 241)
Inzwischen hat es angefangen, die Menschheit mit einer Serie von
Begriffpaaren zu definieren: christlich/ heidnisch, zivilisiert/wild,
fortschrittlich/ rückständig, entwickelt/ unterentwickelt,
reich/arm, Erwachsen/ Kind, fähig/unfähig, Namen Gebende/Namen
Gegebene, Grenze Setzende/Grenze Gesetzte, Begünstigende/
Begünstigte, Schützende/ Beschützte, talentiert/ungeschickt,
erfolgreich/erfolglos… Selbstverständlich ging es nicht
nur darum, wie einer den anderen definierte. Die wahre Katastrophe
war, dass der Definierte sein Leben in der Art führte, wie
es von den Definierenden der „Vorstellung“ beigemessen
wurde. Der Prozess, den wir der tiefe Kern des Eurozentrismus
und der Verinnerlichung des Kolonialismus nennen, ist nicht nur,
wie es am meisten behauptet wird, durch Auferlegung des „Zwangs“,
der „Wucht“ und der „rohen Gewalt“ entstanden.
Diejenigen, die den zweiten Stützpunkt der erwähnten
Beziehung darstellen, stehen in jeder Phase und auf jeder Ebene
mit jemandem einander gegenüber, der an ihrer Stelle denkt,
Entscheidungen trifft, „ihr Wohlbefinden sich wünscht“…
Wie Latouche schon ausgedrückt hat, entsteht der entscheidende
Knotenpunkt aus der „Vergebende/Vergebene “- Beziehung.
Dagegen wurde die übliche Betrachtung eher auf die Gewalt,
den Zwang und den ökonomischen Imperialismus gerichtet. „Im
Grunde genommen gewinnt der Westen die zur kulturellen Strukturstörung
führende Macht und das Ansehen durch Geben. Gesellschaften
können sich gegen Gewalt und Plünderung verteidigen.
Solange sie nicht besiegt werden, können sie Widerstand leisten
und sie haben keine Neigung zur Verzicht auf ihre eigene kulturelle
Identität zugunsten der kulturellen Identität des Angreifers.
Indessen, angesichts des greifers. Indessen, angesichts des Spendierens
bereitet alles sie auf wehrlos und schutzlos zu bleiben vor. Die
Menschenleben rettende Medizin, das Elend reduzierende Brot, das
dem Menschen in seiner Eigenkultur Achtung bringende, unbekannt
zauberhafte und ihm aus der Fassung geratene Objekt kann nicht
zurückgewiesen werden.“ (1993, 76)
Deswegen
hat der „zivilisierte Weiße“ seine ungefähr
auf 500 Jahre verbreitete Durchdringung und Herrschaft nicht nur
an Unterdrückung und Gewalt angelehnt. Indem er jedes Mal
etwas „gibt“, hat er das geschafft, nämlich der
Gläubiger „eines herzlichen Dankes“ zu sein.
Mit der Betretung der spanischen Eroberer (Konquistadoren) die
„neue Welt“ wurde den Wilden der Himmel versprochen.
Der Weg wurde ihnen freigemacht, damit sie Christen werden und
den Himmel gehen können. Vermutlich, weil sie es gespürt
haben, dass die Seelen die Körper nie verlassen, um die Wilden
so schnell wie möglich nach Himmel zu zuschicken, haben sie
Völkermord begangen, indem sie ihre Körper unter die
Erde eingeworfen haben. Mit den von den Völkermorden übrig
Gebliebenen, in den Situationen und Regionen (Asien, Nahost usw.),
wo Völkermord zu begehen unmöglich war, haben sie das
„Zivilisierungsverfahren“, „Zivilisationsübertragung“
angewandt. Diese Zivilisierungsmission hat in einer langen historischen
Ära ihre Geltung bewahrt. Ungefähr seit 70 Jahren (genauer
gesagt, seit dem Zweiten Weltkrieg) lassen sie auch entwickeln…
Egal, ob es wie in der Rhetorik über die „Reise nach
Himmel“ oder über die „Zivilisierung“ oder
„Entwicklung“ und heutzutage über die „Globalisierung“
gesagt wird, bezieht sich die Regel aufs Geben. Der zivilisierte
Westen wusste es schon immer Bescheid, dass die goldene Regel
für den Kolonialismus, den Imperialismus, für das Unterwerfen
unter eigene Herrschaft und die Zerstörung der Identitäten
„Geben, um zu herrschen; Herrschen, um zu nehmen“
lautet. Das andere Gesicht des Gebens ist identitätslos,
charakterlos und geschichtslos werden und bedeutet das Entfernen
von dem Subjekt der Geschichte zu sein. Seit einiger Zeit hat
der Entwicklungsexperte die Funktion des christlichen Missionars
und des Zivilisation Bringenden übernommen. Einer von diesen
Experten ist wichtig dafür, weil er zusammengefasst hat,
wie die Problematik von den WestlerInnen betrachtet und wahrgenommen
wird: „Die ökonomische Entwicklung eines unterentwickelten
Volkes einigt sich nicht mit dem Bewahren der Sitten und traditionellen
Gewohnheiten. Der Abbruch davon bildet die Voraussetzung für
die ökonomische Entwicklung. Alle Institutionen und gesellschaftliche,
kulturelle und religiöse Verhalten, also psychologische Haltung,
Philosophie und Lebensart müssen revolutioniert werden. D.h.,
was gewünscht wird, ist die Störung des gesellschaftlichen
Organisierens. Jenseits des ständig bereit Seienden muss
man, um Wünsche zu fördern, Unglücklichkeit und
Unzufriedenheit schaffen. Man kann dem durch diesen Prozess entstandenen
Leid und der Unbefriedigtheit widerstehen. Diese sind der Preis
für die ökonomische Entwicklung, der bezahlt werden
muss.“ (Satie, 1987) Natürlich, für die Behandlung
des Arztes muss es verschafft oder der Angeredete überzeugt
werden, dass er glaubt, dass er „krank ist“. Nach
dieser Phase kann der Arzt nun seinen „Patienten“
jede Art von Gift statt „Heilung“ zum Trinken geben.
Deshalb
hängt es davon ab, dass er überzeugt wird, dass er wild,
unzivilisiert und unterentwickelt ist, oder dass er akzeptiert
hat, den von der gegnerischen Seite (dem Kolonisator) zugeschnittenen
Anzug anzuziehen. Um den Menschen „helfen zu können“,
muss man erst sie hilfsbedürftig machen. Der Weg, eine Agrargemeinschaft,
die mit eigener Kraft auskommen kann, zu „entwickeln“,
ist erst sie in eine Lage zu bringen, in der sie mit eigener Kraft
nicht mehr auskommen kann. Zuerst muss der Hunger „wie ein
schwarzer König“ sich niederlassen, damit nachher die
„Entwicklungshilfe“ des Westens, der Rote Kreuz, der
Rote Halbmond, UNHilfsorganisationen, „wohltätige Bürger“
usw. kommen können. Aber die Roter Kreuz-, Roter Halbmond-,
UN-Hilfen u. ä. kommen nicht allein, sondern sie bringen
mit, was sie auch verkaufen wollen. Falls eine Menschengemeinschaft
außerhalb des Profitierens, Handelns und Mehrwert Produzierens
geblieben ist, dann ist sie rückständig und verdient
zu entwickeln. Wenn mensch einmal sich auf diesen Weg macht, dann
im Falle einer Erfolglosigkeit (da die Erfolglosigkeit keine Ausnahme,
sondern die Regel ist) wird dessen Grund nicht der Fehler des
Paradigmas, sondern die überflüssigen Interventionen,
die das Funktionieren der „Marktwirtschaft“ stören,
sein. Natürlich fällt es niemandem ein zu diskutieren,
was eine „Marktwirtschaft“ ist, und was das bedeuten
soll, während der „reale Kapitalismus“ seine
Geltung hat, die Regulierung des Marktes dem Markt selbst zu überlassen,
da die Menschen inzwischen daran glauben, dass es die „Entwicklung“
wirklich gibt und sie möglich ist, noch dazu, dass sie einen
universalen Prozess ist, und dass sie zu verstehen ist oder sie
gewusst werden kann. Haben Sie nach dem Maßstab der Entwicklung
gefragt? BSP (Bruttosozialprodukt) kann alles aufklären…
Eine Gesellschaft, die die Verbindung mit eigener Geschichte und
ihre eigene Identität verloren hat und der Bewusstseinserosion
ausgesetzt ist, bzw. die Elite dieser Gesellschaft kann nicht
in der Lage sein, ihre eigene Agenda zu bestimmen, eigenen Kurs
zu wählen und kritisch zu beurteilen, was geschieht. Im Grunde
genommen hat er ja keine solchen Sorgen… Vermutlich, diejenigen,
die sich in diesem von uns erörterten Prozess in dem unglücklichsten
Zustand befinden, sind die Diplomierten der Dritten Welt, die
meistens „Aufklärer“ genannt werden und die Gruppe
der mit der westlichen Art der Bildung ihre Denkvermögen
zerstörten Gebildeten. Diese die eurozentristische Ideologie
am meisten verinnerlichte Seite funktioniert in gewisser Hinsicht
als „organische Intellektuellen“ des kolonialistischen-
imperialistischen Westens in der Dritten Welt. Derart, dass sie
ihre westlichen Herrscher bei der Verurteilung eigener Vergangenheit
und eigener Gesellschaft meilenweit zurücklassen. Dies kann
mensch auch als „die Verinnerlichung der Missionartätigkeit“
bezeichnen. Je mehr diese Gruppe von Gebildeten, die sich als
„Intellektuellen“ erklärt hat, ihre „eigene
Gesellschaft“ anklagt, verurteilt und erniedrigt, desto
mehr wird sie als Gruppe der „vollkommenen“ Intellektuellen,
Autoren, WissenschaftlerInnen usw. anerkannt. Sie hat eine feste
Überzeugung davon, dass ihr „eigenes“ Volk rückständig,
reaktionär und feindselig gegenüber der Zivilisation
und der Neuheitsidee ist. Bewusst oder unbewusst (im Prinzip ist
es nicht so wichtig) sieht sie sich in „eigenem“ Land
als Vertreter des Westens. Hier ist die Rede von der Täuschung
des Täuschenden. Die Gruppe der unsinnig gemachten Gebildeten
der Dritten Welt verteidigt auch diese Sinnlosigkeit in Anlehnung
an den „Universalismus“, weil sie den „Universalismus“
auch ohne zu diskutieren akzeptiert hat. Sie betrachtet den Westen
so, wie der Westen das von ihr erwartet, und sie ist auch nicht
in der Lage das zu ihr Reflektierte kritisch zu beurteilen. Sie
wundert sich über die westliche Technologie. Sie hält
das Imitieren des westlichen Intellektuellen für eine Begabung
und deswegen kann sich vom Schicksal des Imitators nicht retten,
da der Imitator sich in einer Sackgasse befindet, nämlich
er kann nicht wie derjenige sein, den er imitiert hat, andererseits
kann er auch nicht sein, wie sich selbst. Der durchschnittliche
Gebildete der Dritten Welt sieht sich auf geistig-intellektueller
Ebene als „westlich“. Er trauert nach, weil er denkt,
dass er in seiner eigenen Gesellschaft „ruiniert“
wird. Und spricht deshalb immer von „Verlassen des Landes“,
aber der Ort, wohin er gehen möchte, ist der Westen. Es gibt
aber auch eine unangenehme Seite dieser Tatsache: Der/Die WestlerIn
akzeptiert ihn niemals als „einer von ihnen“. Der
Gebildete aus der Kolonie „muss“ in einem unangenehmen
Ort, zwischen der Kirche und der Moschee, „leben“,
und es ist auch unvermeidlich, dass diese Situation einige psychologische
Probleme verursacht. Der Diplomierte der Dritten Welt, der sich
leugnet, verhält sich wie ein Kind, das über seine Familie
kritisch nachzudenken vermeidet. Einerseits ist er stolz darauf,
dem Westen zu ähneln und sich mit dem Westen zu identifizieren;
aber andererseits ist er wiederum nicht in der Lage den Zusammenhang
mit „seiner Situation“ und mit der „rückständigen
(unterentwickelten)“ Mehrheit, die dem Westen nicht so viel
wie ihn ähneln, zu verstehen. Selbstverständlich, falls
der Eurozentrismus mit einem begrenzten Milieu von Gebildeten
geblieben wäre, wäre die Zerstörung auch begrenzt
gewesen. Nach einer bestimmten Schwelle fängt die eurozentristische
Entfremdung zu verinnerlichen, zu verbreiten an, und verwandelt
sich dadurch in das herrschende Paradigma. Dementsprechend werden
die „Betrachtung“ und das „Urteil“ des
Westens auch von der Mehrheit der Gesellschaft verinnerlicht.
Die Geschichte der letzten 500 Jahre der Menschheit ist die Geschichte
der Kolonisierung, des Koloniewerdens, jeder Art von Imperialismus
geworden. Leider setzt die durch die Zivilisation des Kapitals
auferlegte kapitalistische Kultur ihre vielseitige Zerstörung
fort, und das letzte in diesem Zusammenhang angebotene „Befreiungsrezept“
der großen Menschheit ist die Globalisierung. Die sich in
Handelsunternehmen verwandelten Universitäten, die Stiftungen,
die für die Staaten und für ihre Geheimdienste tätig
sind, die Vereine, die „Think-Tank“- Anstalten, die
unserer compradoren (Kollaborateuren-) Intellektuellen ganz gut
gefallen, und die modernen Medien präsentieren die Globalisierung
als endgültige Rettung... aber mit der Voraussetzung, den
Preis dafür zu zahlen. Derart sogar, als ob das Abfahrende
die Arche Noah wäre… Das Überwinden des herrschenden
Paradigmas ist nur dann möglich, wenn die durch das Europa
auferlegte und völlig verderbte Geschichtsversion der letzten
500 Jahre von Anfang an neu geschrieben wird. Genau in dieser
Phase gewinnt die wahre Wissenschaft und der/die wahre WissenschaftlerIn
an Bedeutung. Sonst, wie Bedrettin sagte: „Wenn diese Bücher
keinen Ausweg für die Ungleichheit und für das Elend
der Menschheit darstellen, dann wozu sind sie da“…
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